How To Dress Well – „Total Loss“

How To Dress Well - „Total Loss“

How To Dress Well – „Total Loss“ (Weird World)

Tom Krell musste – oder wollte – schon viel über sein neues Album „Total Loss“ sprechen. Es gibt da offenbar Klärungsbedarf. Der Name ist Programm, auf der neuen Platte von How To Dress Well verarbeitet der Musiker die Todesfälle seines besten Freundes und seines Onkels sowie seine eigene und die Depression seiner Mutter. Das ist harter Tobak, wenn man bedenkt, dass auch How To Dress Wells Debüt „Love Remains“ vor zwei Jahren schon keine fröhlich rauschende Platte war.

Doch auch hier geht es um die Liebe. Krell hält nichts von der gängigen „Everything-is-going-to-be-allright“-Mentalität. Stattdessen sei es Liebe, beteuert er immer wieder in Interviews, die in seinem Leben die treibende Kraft ist. Die Krux an „Total Loss“ ist dann auch, dass die Platte sich nicht nur mit dem Leiden und dem Verlust beschäftigt, sondern gerade mit der Verarbeitung dessen, mit dem Weg aus diesem Leiden heraus.

In einem weiteren Interview spricht Tom Krell davon, dass seine Erfahrungen ihn stärker und emotional ehrlicher gemacht hätten. Das hört man auch auf „Total Loss“. Der eingängige Falsett-Gesang des New Yorkers ist in den Vordergrund und damit näher an den Hörer gerückt. Und schon beim Opener „When I Was In Trouble“ merkt man: How To Dress Well schrammt jetzt näher an klassischem R’n’B entlang als auf dem Vorgängeralbum. Das ist ein mutiger Schritt, war ein Grund für How To Dress Wells Erfolg 2010 doch auch, dass seine Musik eine hippe, Synthie-lastige Alternative zu R’n’B war. Das „Indie“-Label soll How To Dress Well aber deshalb keineswegs abgesprochen werden. Noch immer rauscht und krächzt es, dröhnen Synthesizer: an Shoegaze-artigen Liedstellen mangelt es nirgends auf der Platte.

Dass „Total Loss“ ein so gelungener Nachfolger für „Love Remains“ geworden ist, liegt mit Sicherheit auch an der Wahl des Produzenten: Rodaidh McDonald hat hier die Regler übernommen; derselbe Rodaidh McDonald, der die beiden The-xx-Alben produziert hat. Er feilte also an den Entwürfen und Ideen, die Krell teilweise mit dem Mikrofon seines Laptops unterwegs aufgenommen hat. „Say My Name Or Say Whatever“ ist exemplarisch für die Herangehensweise des Krell-McDonald-Gespanns: Das Liedgerüst wird von Gesang und einem Piano-Loop zusammengehalten, während im Hintergrund eine Collage aus Geräuschen und Melodien entsteht. Auch „& It Was U“ zeugt vom musikalischen Fingerspitzengefühl des Teams. Was mit einfachem Fingerschnippen beginnt, verwandelt sich unter Krells „You don’t have to call me / My love will be there for you“ binnen zwei Minuten zu einem Beat- und Klang-gewaltigen Stück, das gar nicht mehr traurig wirkt.

„Total Loss“ ist ein wunderbar produziertes Album, das seinen Hörern mit jedem Durchspielen neue Details offenbart. Es klingt finster, melancholisch-traurig und verzweifelt, lässt aber oft kraftvolle Stomps und Drums nach vorn preschen. Kein Wunder, dass die Platte viele Fragen aufwarf: all die Schicksalsschläge der letzten Zeit, natürlich ergibt sich daraus ein düsteres Album. Aber woher dann die Lebensfreude, die in fast jedem Track irgendwann in Form von Stomps, Dub-Elementen und Lyrics durchschimmert? How To Dress Well ist es gelungen, Schmerz zu verarbeiten und daraus eine faszinierend stimmige Platte zu zaubern, die ihn und uns nach vorne blicken lässt: auf das Leben, die nächsten Jahre, und hoffentlich noch viel mehr Musik von How To Dress Well.

Veröffentlichung: 14.09.2012
Label: Weird World

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