In Gedenken an Leonard Chess

Am 16. Oktober 1969, vor 40 Jahren, starb Leonard Chess, der Begründer der legendären Plattenfirma Chess Records. Anlass genug für einen kleinen Rückblick auf sein Werk.

Leonard Chess wird am 12. März 1917 in Polen als Sohn einer Arbeiterfamilie geboren. Wie so viele emigrieren die Chess’ in die USA, wo sie sich 1928 in Chicago niederlassen. Später steigt Leonard gemeinsam mit seinem Bruder Philip ins hiesige Nachtleben ein. In den 40er Jahren gehören ihnen mehrere Nachtclubs in der Chicagoer Southside. Der Größte davon ist das Macomba, wo regelmäßig Live-Entertainment angeboten wird. So kommen Leonard und Philip Chess letzten Endes auch dazu, selber ins Musikbusiness einzusteigen.

1947 kaufen die beiden Anteile der neu gegründeten Plattenfirma von Evelyn Aron, Aristocrat Records, und steuern das Unternehmen mit Künstlern wie Sunnyland Slim und Muddy Waters langsam aber sicher vom Jazz und dem schnellen Jump Blues hin zum getragenen Blues. Dabei verteilen sich von Anfang an klar die Rollen: Philip ist für das Geschäftliche zuständig, während sich Leonard um den kreativen Part kümmert. Er ist derjenige, der die Talente aufspürt, er leitet die Aufnahmen im Studio und er führt die Verhandlungen mit den Radiosendern, die seine Neuentdeckungen schließlich spielen sollen.

1950 übernehmen sie Aristocrat und benennen die Plattenfirma um in Chess Records. In diesen Anfangstagen von R&B wächst der Markt der Independent Labels. Chess Records etabliert sich schnell und übernimmt eine Vorreiterrolle in Sachen Chicago Blues. Zu den ersten Veröffentlichungen gehören Gene Ammons‘ „My Foolish Heart“, Muddy Waters‘ „Rollin‘ Stone“ und Jimmy Rogers‘ „That’s All Right“. Der vielleicht einflussreichste Künstler, den Chess Records in dieser Anfangsphase unter Vertrag nimmt, heißt Little Walter, dessen ausgeprägtes Mundharmonika-Spiel den Blues revolutioniert.

Doch auch im Süden der USA geht es voran. Ein junger Produzent aus Tennessee mit dem Namen Sam Phillips holt sich den 300 Pfund schweren Farmarbeiter Chester Burnette ins Studio. Zu dieser Zeit hat Phillips, der später Sun Records gründen wird, noch kein eigenes Label. Deshalb spielt er den Chess Brüdern die Aufnahmen zu. Der Farmarbeiter zieht nach Chicago und geht als Howlin‘ Wolf bei Chess Records unter Vertrag. Ein weiterer Künstler aus dem Hause Chess, der später als einer der einflussreichsten Musiker in der Geschichte des Blues beschrieben werden wird. Im Laufe der Jahre sammeln sich bei dem Chicagoer Label weitere Größen der schwarzen Musikszene: Jimmy Rogers, John Lee Hooker, Chuck Berry, Bo Diddley und Aretha Franklin – um nur eine klein Auswahl zu nennen.

1956 wird Chess Records um den Ableger Argo erweitert. Obwohl Argo eher auf Jazz ausgerichtet ist, wird dort Etta James unter Vertrag genommen, die bis heute als eine der talentiertesten R&B Sängerinnen überhaupt gilt. 1965 wird das Label auf Grund von fehlenden Namensrechten in Cadet umbenannt.

Chess Records war eine der großartigsten amerikanischen Plattenfirmen und die bedeutendste im Bereich des Blues. Angeblich haben sich The Rolling Stones nur kennengelernt, weil Keith Richards, als Brian Jones ihn zum ersten Mal traf, die Chess-Platte „The Best Of Muddy Waters“ unterm Arm trug. Als sie die Band gründeten, benannten sie sich nach jenem bekannten Muddy Waters Song. Während ihrer ersten USA Tournee 1964 machten sie in Chicago halt um in den Chess Studios aufzunehmen.

Die 60er Jahre liefen gut für die Chess Brüder, der Fall des Labels ist schwer nachzuvollziehen. 1968 verlässt Billy Davis, der Produzent, der hauptsächlich für den Bereich Soul zuständig ist, das Unternehmen. Gleichzeitig beschäftigt sich Leonard Chess, der kreative Kopf hinter Chess Records, mehr und mehr mit seinem Radiosender, WVON. 1969 verkaufen Leonard und Philip Chess ihre Firma an General Record Tape (GRT). Leonard Chess‘ Tod im selben Jahr bedeutet das endgültige Aus für Chess Records. Als der Firmensitz in Chicago 1975 verkauft wird, werden 250.000 Platten zerstört. Die Master-Bänder sind glücklicherweise erhalten geblieben und gehören heute MCA, wo sie seit den 80er Jahren wieder veröffentlicht werden.

Das Lebenswerk von Leonard Chess wird leicht unterschätzt. Zusammen mit seinem Bruder hat Leonard Chess die amerikanische Musiklandschaft der 50er und 60er Jahre revolutioniert. Chess Records gab dem Blues eine andere Richtung und legte Grundsteine für den Rock & Roll. Für sein Beitrag zur Popmusikgeschichte wurde  Leonard Chess 1987 in die Rock & Roll Hall Of Fame aufgenommen.

Siri Keil beschäftigt sich am Freitag im ByteFM TourKalender ab 16 Uhr mit Leonard Chess und Chess Records.

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