„Grace“ von Jeff Buckley wird 25 Jahre alt

Cover des Albums „Grace“ von Jeff Buckley

Jeff Buckley – „Grace“

Am Abend des 29. Mai 1997 ging Jeff Buckley im Wolf River Harbor schwimmen. Nicht etwa nackt, sondern in voller Bekleidung, mit schweren Stiefeln an den Füßen und den Refrain von Led Zeppelins „Whole Lotta Love“ auf den Lippen. Er sollte den Fluß nicht lebendig verlassen. Die Gerichtsmedizin fand keine Anzeichen von Drogen oder Alkohol in seinem Blut. Ein Suizid wurde auch ausgeschlossen.

Der Unfalltod des US-Amerikaners wäre auch eine Tragödie, wenn er nicht drei Jahre vorher sein erstes und einziges Album in die Welt gesetzt hätte. Doch am 23. August 1994 veröffentlichte er „Grace“ – und mit ihm eine der besten Platten seiner Zeit. Buckley wurde nur 30 Jahre alt (nur zwei Jahre älter als sein ebenfalls jung verstorbener Vater Tim Buckley; eine ganz eigene Tragödie). Man wird nie erfahren, was dieser unfassbar talentierte Mensch mit mehr Zeit in seinem Leben hätte anfangen können. Das, was Buckley dieser Welt in einer LP hinterließ, ist auf jeden Fall größer als vieles, was andere KünstlerInnen in ihrer ganzen Karriere leisteten. Heute, am 23. August 2019, wird dieses Album 25 Jahre alt.

Unfassbar lebendig

Die Umstände können „Grace“ wie ein schweres Album wirken lassen. Ein schwarzer Monolith, symbolisch für Verlust, Trauer und niemals wieder erklingendes Potential. Genau wie bei David Bermans Comeback-LP „Purple Mountains“, bei der sich nach seinem Tod jede Zeile wie eine Abschiedsbekundung liest. Doch das ist nicht fair: „Grace“ ist kein Album des Todes, es ist unfassbar lebendig. Wie Buckleys Stimme im Opener „Mojo Pin“ durch einen leichten Nebel aus Ambient-Gitarren strahlt, lässt sich nicht anders als himmlisch beschreiben. Sie klingt wie Wiedergeburt und lebenserfahrene Weisheit, vereint in einem Organ. Und das war erst der Anfang.

Genau wie Jeff Buckleys Stimme wie viele ätherische Erfahrungen gleichzeitig klingen kann, bewegt sich auch die Musik auf „Grace“ in verschiedensten Bahnen. Der Titeltrack ist vom Boden losgelöster Folk-Rock, der im 6/8-Takt in höchste Höhen schunkelt. „So Real“ reist im Kontrast in tiefste Tiefen, mit bedrohlich aufsteigender Akkordfolge – die in einem Sonic-Youth-eskem Noise-Rock-Massaker eskaliert. Seine Stimme streckt die Vokale so intensiv, dass man denkt, Buckley würde gleich persönlich aus den Boxen springen und einen an der Gurgel packen. Nur um kurz danach wieder sanft streicheln.

Raum und Zeit überwindende Ruhe

Zeitlupen-Balladen und Explosionen gehen Hand in Hand. „Lilac Wine“ tragen Buckley und seine Band in Raum und Zeit überwindender Ruhe vor, oszillierend zwischen Portishead und Nina Simone. „Eternal Life“ vereint Grunge-Gitarren und Fuzz-Bass mit Streichorchester. Das von indischen Ragas beeinflusste „Dream Brother“ ist eine Genregrenzen transzendierender Abschluss. Und dann gibt es da noch „Hallelujah“. Buckley war nicht der Erste, der Leonard Cohens Song coverte. Doch seine Version war die, die das sperrige biblische Epos endgültig in einen Pop-Standard verwandelte.

Ob Buckley „Grace“ jemals hätte toppen können, werden wir nie erfahren. Vielleicht hätte er nie ein besseres Album gemacht. Vielleicht wäre es erst der Anfang einer großartigen Karriere gewesen. Vielleicht ist das auch egal. Denn was bleibt, ist „Grace“ – eines der großen Meisterwerke der 90er-Jahre.

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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