Joni Mitchell in fünf Songs

Joni Mitchell auf dem Cover ihres Albums Hejira

Joni Mitchell auf dem Cover des Albums „Hejira“ aus dem Jahr 1976

Joni Mitchell war neun Jahre alt, als ein Polio-Virus für einen langen Zeitraum ihre Muskeln lähmte. Eine Krankheit, die tiefe Spuren im Leben der Kanadierin hinterließ – aber auch auf unerwartete Art und Weise ihre Kreativität befruchtete. Als sie sich wenige Jahre später selber das Gitarrenspielen beibrachte, hatten ihre immer noch von der Lähmung beeinträchtigten Finger Probleme, die Standard-Akkorde zu greifen. Doch anstatt zu verzweifeln, schrieb Mitchell einfach die Regeln um, stimmte ihre Gitarre nach Belieben und fand ihre ganz eigenen Griffe und Akkorde – und somit auch ihre eigene musikalische Sprache.

Doch es war natürlich nicht nur die tückische Krankheit, die Mitchell zu einer der erfolgreichsten Folk-KünstlerInnen ihres Jahrhunderts machte. Es war die Dreifaltigkeit aus ihrem ungewöhnlichen Gitarrenspiel, einer Stimme, die sowohl zarte Balladen als auch anspruchsvollen Jazz singen konnte und ihrem eigenwilligen Songwriting. Wobei „Songwriting“ ihr Talent fast schon kleinhält: Mitchell komponierte, verwebte uralte Techniken wie Quart-Harmonik mit dem Coffeehouse-Folk der 60er-Jahre, kombinierte abstrakten Free-Jazz mit New-Wave.

Am 7. November 2018 wird Joni Mitchell 75 Jahre alt. Wir haben die vielseitige Künstlerin in fünf Songs porträtiert.

„Chelsea Morning“ (1969)

Bevor Mitchell Ende der 60er-Jahre der Durchbruch gelang, schlug sie sich über viele Jahre als erfolglose Folk-Musikerin in Toronto durch. Sie konnte sich den Mitgliedsbeitrag für die MusikerInnen-Gesellschaft nicht leisten, weswegen ihr als einzige Möglichkeit Straßenmusik und halblegale Gigs in Jugendherbergen und anderen suboptimalen Locations blieben. Da die lokalen Barden den Großteil des bekannten Folk-Songs-Repertoires für sich selbst beanspruchten, fing sie schnell an, eigene Songs zu schreiben. Eine dieser Kompositionen fand ihren Weg zum New-Yorker-Künstler Dave Van Ronk, der 1967 eine Coverversion ihres Songs „Chelsea Morning“ auf seinem neunten Album veröffentlichte.

Wie viele ihrer frühen Stücke entwickelte der Song ein Eigenleben: Bevor er 1969 auf Mitchells zweiter Platte „Clouds“ erschien, wurde er bereits von Folk-Rock-Größen wie The Fairport Convention oder Judy Collins gecovert. Vergleicht man die Versionen, erkennt man, was Mitchells Stil besonders macht: In Collins‘ Variante wird der Song von einer Wall-of-Sound aus Streichern, Bläsern und E-Gitarren überrollt. Mitchell benutzt nur ihre perkussiv angeschlagene Gitarre und ihre Stimme, kein kitischiges Beiwerk – und erreicht dabei einen viel umwerfenderen Sound.

„Little Green“ (1971)

Zwischen 1969 bis 1974 war Joni Mitchell unaufhaltbar. Jedes Album, von „Clouds“ bis „Court And Spark“, ein Klassiker, zu viele großartige Songs, um sie alle zu nennen. Der mögliche Höhepunkt dieser Ära war „Blue“, das Album, auf dem sich Mitchell von ihrer verletzlichen Seite zeigte. Die Songs waren minimalistisch arrangiert, fast schon nackt, die Texte voll Trauer und Trauma. In „Little Green“ singt sie mit entwaffnender Offenheit über ihre 1965 geborene Tochter, die sie aufgrund von finanzieller Unsicherheit und der Tatsache, dass der Vater sie kurze Zeit vor der Geburt sang- und klanglos verließ, zur Adoption freigab. „So you sign all the papers in the family name / You’re sad and you’re sorry but you’re not ashamed, little green / Have a happy ending“, singt sie und jede Silbe ist voller Reue. Die emotionale Nacktheit dieses Albums war seiner Zeit voraus, wie Mitchell selber später reflektierte: „Wir alle leiden unter unserer Einsamkeit, aber bis ‚Blue‘ haben unsere Popstars das noch nie zugegeben.“

„Help Me“ (1974)

Nach über einem Jahrzehnt im Folk-Rock-Business war es 1974 für Mitchell an der Zeit, ihren Sound auszubauen. Ihre musikalischen HeldInnen hießen nie Dylan oder Cash, sondern Miles Davis, Edith Piaf oder Charles Mingus. Die Platte, die überhaupt erst ihre Faszination zur Musik auslöste, war „The Hottest New Group in Jazz“, ein Album von dem Vocal-Jazz-Trio Lambert, Hendricks and Ross – ihre „persönlichen Beatles“, wie sie selber einst der Los Angeles Times sagte. Der Jazz als logische Weiterentwicklung ihrer Musik schien naheliegend.

Ihr sechstes Album „Court And Spark“ bewies, wie gut diese Fusion funktionieren konnte: Es war nicht nur ein für vier Grammy Awards nominierter kommerzieller Erfolg, es zeigt Mitchell auch in kompositorischer Höchstform. Songs wie „Help Me“ klingen der komplizierten Bläsersätze und Harmonien zum Trotz federleicht und unbeschwert, Mitchells Stimme schwebt mit kindlicher Leichtigkeit durch den dichten Klangraum. Im Vergleich zu anderen Jazz-Pop-Fusionen wie Steely Dan haben Mitchells Songs Gewicht. Die wehmütigen, poetischen Texte bilden einen starken Kontrast zu den anschmiegsamen Saxophonen und Trompeten: „Help me, I think I’m falling / In love too fast / It’s got me hoping for the future / And worrying about the past / ‚Cause I’ve seen some hot hot blazes / Come down to smoke and ash“, singt Mitchell mit der Lebenserfahrung eines Menschen, der schon einige Rückschläge erlebt hat.

„Goodbye Pork Pie Hat“ (1979)

Mitchells Verehrung für den Jazz fand auf dem 1979 veröffentlichten Album „Mingus“ ihren Höhepunkt. Hier hatte sie ein beeindruckendes Arsenal an Musikern versammelt: Bass-Virtuose Jaco Pastorius, Tastengott Herbie Hancock, Miles-Davis-Veteran Wayne Shorter am Saxophon. Die Platte begann eigentlich als Zusammenarbeit mit der Jazz-Ikone Charles Mingus, die aber durch seinen Tod im selben Jahr ihr jehes Ende fand. Im letzten Song zollt Mitchell ihrem Idol Tribut: „Goodbye Pork Pie Hat“, eine seiner bekanntesten Kompositionen, wurde von ihr mit einem eigenen Text versehen und in ein melancholisches Stück Nachtmusik verwandelt.

Der Song, an sich bereits ein Tribut für Mingus‘ verstorbenen Saxophonisten Lester Young, bekommt durch Mitchells Zeilen eine neue Tiefe: Es ist nicht nur eine schmerzhafte Elegie, sondern auch ein Anklage gegen eine rassistische Musikindustrie. „When the bandstands had a thousand ways / Of refusing a black man admission / Black musicians, in those days they put him in an underdog position“, singt sie, während Pastorius‘ Bass bedrohlich wummert und Hancocks E-Piano seine Kreise zieht.

„Sex Kills“ (1994)

Joni Mitchell war und ist kein Mensch, der die eigene Meinung unausgesprochen lässt. In einem Interview verurteilte sie die Hippie-Utopien der 60er-Jahre als oberflächliche Macho-Bewegung, die freie Liebe als fadenscheiniges Motiv dafür benutzte, mit möglichst vielen Frauen zu schlafen – um dann im gleichen Atemzug die Feminismus-Bewegung als „einen Haufen Amazonen“ abzutun. 1985 kritisierte sie in ihrem Song „Tax Free“ Fernseh- und Radioprediger – unter scharfer Kritik von der konservativen US-amerikanischen Rechten.

1994 veröffentlichte sie nach einigen New-Wave-Experimenten in den 80er-Jahren mit „Turbulent Indigo“ wieder ein Album, das an ihre 70er-Hochphase anknüpfte – um damit einen ihrer politischsten Songs rauszuhauen. „Sex Kills“ ist ein musikalischer und textlicher Rundumschlag, in dem Mitchell mit scharfer Zunge Kapitalismus, AIDS-Politik und Rassismus anprangert: „Doctors‘ pills give you brand new ills / And the bills bury you like an avalanche / And lawyers haven’t been this popular / Since Robespierre slaughtered half of France!“ Die Musik klingt zwar in ihrer verhallten, nicht besonders gut gealterten Produktion etwas weichgespült, doch Mitchells Stimme, vom Alter mit einer neuen Gravitas gesegnet, wirkt feuriger und lebendiger als je zuvor.

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