Juicy Beats Festival 2011 – ein Nachbericht

©Anja Falkenthal
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Schon mal in einem Obstkorb ordentlich Party gemacht? Am vergangenen Samstag verwandelte sich der Dortmunder Westfalenpark bereits zum 16. Mal in ein riesiges Früchtemeer namens Juicy Beats Festival. Das Eintages-Festival bietet mit 14 Floors, vier Livestages, 40 Bands und 100 DJs allerhand für jeden Musikliebhaber und gilt gegenwärtig als das größte Elektro- und Independent-Festival in Nordrhein-Westfalen.

So gegen 19.00 Uhr ließ der Veranstalter verlauten, dass sich bis dato 20.000 Besucher auf dem Gelände befinden. Weil aber noch bis 4.00 Uhr gefeiert werden konnte, ist von rund 25.000 Besuchern wie im Vorjahr auszugehen. Bereits am Mittag waren die bevorstehenden Menschenmassen vor dem Haupteingang an der Ruhrallee zu spüren, so dass sich trotz den sieben Eingängen riesige Schlangen bildeten. Wer ausharrte (was bleibt einem auch anderes übrig) erfuhr Fluch und Segen zugleich. Denn die Freude, endlich kurz vor dem Einlass zu stehen, wurde durch die Mitteilung über die Absage des Hauptacts Beth Ditto ernüchtert. Die Gossip-Frontfrau hatte am Freitag ihren Festival-Auftritt wegen familiärer Probleme kurzfristig über Facebook abgesagt. Als Ersatz konnte man Frittenbude gewinnen, die an Stelle von Beth Ditto die Hauptbühne auseinander nahmen. Glück für den Veranstalter, denn Frittenbude waren zu späterer Stunde als DJ-Set gebucht und schon auf dem Gelände.

Nachdem ich endlich die Tore passiert hatte, war die erste Anlaufstelle die FZW Stage. Zu meiner Schande muss ich gestehen, ClickClickDecker verpasst zu haben. Wirklich schade, ich hätte die Kollegen Kevin Hamann und Oliver Stangl gerne gesehen, aber die Verkehrslage durch die Stadt und die Situation am Einlass ließen dies einfach nicht zu. So gaben The Thermals meinen Festival-Einstand. Das Trio aus Portland präsentierte sich solide, nicht überwältigend, aber für einen Act am Nachmittag durchaus in Ordnung. Song für Song spielte sich die Indiecombo durch ihr Œuvre, angefangen bei Hits wie „Here’s Your Future“ über „How We Know“ bis „Now We Can See“. Leider wirkte die Band auf der Bühne für meinen Geschmack etwas zu steif, so dass außer der guten Beschallung nicht viel passierte. Einzig die linkshändige Bassistin Kathy Foster brachte mit ihrer blondierten Locke Dynamik in die ganze Nummer, wobei der Knoten nicht so richtig Platzen wollte. Eine nette Band, vor allem für Familien – um mich herum saßen kleine Kinder mit riesigen Panzerohrschützern auf den Schultern ihrer Eltern.

Überhaupt war das Juicy Beats ein recht familienfreundliches Festival. Anlaufstellen wie die „Kinderbespaßung“, hinter der sich eine Hüpfburg verbarg, aber auch die Weitläufigkeit des Westfalenparks spielten den Familien in die Hände. Man konnte seinen Kinderwagen trotz der vielen Menschen angenehm durch die Fress- und Merchandise-Stände bewegen. Außerdem gab es überall kleine verwinkelte Ecken, in denen sich verliebte Paare zwischen den Rosensträuchern oder den großen Bäumen tummeln konnten. Die Stimmung war an dem ganzen Festivaltag sehr friedlich. Natürlich gibt es immer ein paar überdrehte Ruhrpottjünger, die meinen über die Stränge schlagen zu müssen, aber denen kann man ja aus dem Weg gehen. Das große Festivalgelände bietet jedenfalls die Möglichkeit dazu.

©Anja Falkenthal
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Mittlerweile war es 18.00 Uhr und Bonaparte rockten mit „Computer in Love“ die FZW Stage. Bonaparte, die irre Visual-Trash-Punk-Combo aus Berlin, machen sich besonders durch ihre Bühnenperformances und provokanten Songtexte ihren Namen als Ausnahmeband. Es gibt keine Tabus, die Grenzen des guten Geschmacks werden deutlich überschritten und trotzdem fasziniert diese Band auf ihre Art. Halbnackte Frauen, eingekleidet oder besser gesagt eingeklebt, in Paketband entblößen sich mit Scheren, bis sie sich nach ihrem Strip gegenseitig zu Boden wrestlen. Bodypaintings, Tiermasken und Napoleonkostüme machen dieses Konzert zu einer grotesken Show, die mit Fremdscham nur so spielt. „Too much“ – der letzte Song von Bonaparte – war es allemal nicht.

©Anja Falkenthal
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Noch völlig geflasht fieberte ich dem The-Notwist-Auftritt entgegen. Mit einer Viertelstunde Verspätung betraten die bayerischen Weilheimer die Bühne und begrüßten die Festivalgemeinde mit einem „Guten Abend“ in Mainzelmännchen-Manier. „Wir sind Notwist und wir klingen so“ schallte es aus den Boxentürmen bevor die Gebrüder Acher & Konsorten mit „Boneless“ ihr Set begannen. Einfach fantastisch wie The Notwist den schmalen Grat zwischen träumerischen Mallandschaften und druckvollen Steigerungen in ihren Songs live meisterten. Neben Markus Achers verspielter Stimme zog sich vor allem Martin Gretschmanns Elektrogefrickel durch die Notwist-Show. Gretschmann aka Console und Mitglied von 13&God – ebenfalls ein sehr zu empfehlendes Sideproject der Acher-Brüder – stand fast statisch vor seinem Sequenzer und erzeugte seine Töne mittels Wii-Controllern, die er mit Kabelbinder an seinen Händen festgezurrt hatte. Einziger Wermutstropfen war der Verspieler bei „Gloomy Planets“, bei dem die Band noch einmal neu beginnen musste, aber das sei dieser grandiosen Formation schnellstens verziehen. Mit „Puzzle“ gab’s noch eine brachiale Soundwand als Rausschmeißer, in der sie alles auffuhren, was sie in die Finger kriegen konnten (u.a. Xylophon, Turntables, Stroboskop) bevor die Weilheimer vielleicht als die Band des Festivals von dannen zogen.

©Anja Falkenthal
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„Ey Mann, wo geht’s zur Brombeere?“, flüsterte ein Festivalgänger in mein Ohr. Gute Frage, dachte ich mir und schaute ihn mit großen Augen an. Bis mir klar wurde, ahhhhh er meint die Brombeer-Stage. Zur Info: Jede Bühne trug ihre eigene Frucht. So war die Mainstage, der Apfel, die FZW Stage die Himbeere und beispielsweise die Konzerthaus Stage die Ananas. Den Plan gezückt, suchte ich nach der Brombeere und der Ananas, tief im Süden des Festivalgeländes gelegen. Dort traten gleich FM Belfast auf.

„We were lying down, In front of our house, In the summertime, In the summertime…“ hörte ich schon von weitem durch die Baumkuppen schallen und das obwohl Ende Juli Temperaturen von 15 Grad herrschten. Meine Stimmung konnte die niedrige Temperatur trotzdem nicht trüben und FM Belfast hatten einen nicht unerheblichen Beitrag dazu geleistet. Mit „Par Avion“ tanzten sich die Leute vor der kleinen Konzerthaus Stage in wärmere Gefilde – man konnte bei dieser Spaß-Mach-Band einfach nicht still stehen. Wie Flummi-Bälle sprangen die Isländer von links nach rechts, nach oben und unten – das steckte an. Ein Wunder, dass die viel zu kleine Bühne während der Show nicht auseinander krachte. Nach „Underwear“ gab’s noch eine Interpretation von Rage Against The Machine’s „Killing In The Name“ in einem feinsten Synth-Pop-Kleid. Grandios!

©Anja Falkenthal
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Spätestens um 22.00 Uhr waren alle Liveauftritte beendet und so wurde auf den 14 verschiedenen Floors weitergefeiert. Dabei waren viele Clubs und DJs aus der Region vertreten, u.a. auch die ByteFM Moderatoren Klaus Fiehe und Ingo Sänger. Zu Klaus Fiehes Drum’n’Bass-Set war im Seepavillon kein Durchkommen. Auch hier gab es wieder eine lange Schlange vor der Tür. Leider herrschte dieses Problem bei allen Indoor Floors, so dass ich einfach von Floor zu Floor schlenderte und hier und da mal reinhörte. Letztlich bin ich an dem Cosmotopia Rare Groove Floor hängen geblieben. Ein gelungener, funkiger Ausklang für den Abend. Nächstes Jahr komme ich wieder.

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Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Twofingers
    Aug 1, 2011 Reply

    Sehr guter Kommentar, weiter so

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