Stürmische Höhen, neblige Tiefen: Kate Bush in sechs Songs

Kate Bush in sechs Songs

Kate Bush (Foto: Warner)

Seitdem sie 1978 ihr Debüt „The Kick Inside“ veröffentlichte, hat Kate Bush sich sich zu einer der einflussreichsten Musikerinnen ihrer Zeit entwickelt. Sie meisterte nicht nur die Disziplin „Pop-Song“, sondern konnte sich auch im Feld der progressiven Avantgarde mit Bravour behaupten. Des Weiteren war Bush eine der ersten erfolgreichen Produzentinnen, die sich in der männlich dominierten Musikwelt als selbstständig agierende Künstlerin etablierte. Am 30. Juli wird Kate Bush 60 Jahre alt – eine gute Gelegenheit, die britische Sängerin, Pianistin und Produzentin in sechs Songs zu porträtieren.

„Wuthering Heights“ (1978)

Catherine „Kate“ Bush wurde am 30. Juli 1958 in dem Londoner Viertel Bexley geboren. Gerade mal 19 Jahre später veröffentlichte sie ihren ersten Nr.-1-Hit. Er stammt von ihrem Debütalbum „The Kick Inside“. EMI Records wollte die Roxy-Music-Gedächtnisnummer „James And The Cold Gun“ als Single, doch Bush bestand auf „Wuthering Heights“. In dem himmelhohen Refrain präsentierte sie der Welt das erste Mal ihre Sopranstimme – und die hörte fasziniert zu. Ein transzendentales Stück Pop-Musik, das außerdem Bushs Status als selbstbestimmte Künstlerin zementierte. Das ikonische Musikvideo wird bis heute weltweit in rotleuchtenden Flashmobs zelebriert.

„Houdini“ (1982)

Auf „The Kick Inside“ präsentierte sich Kate Bush als überaus talentierte Songwriterin, die mit feenhafter Grazie Hits hervorbringen konnte. Doch Bush hatte viel mehr im Sinn, als nur idyllische Pop-Songs zu singen. 1982 veröffentlichte sie „The Dreaming“, ihr erstes ausschließlich von ihr selber produziertes Album, auf dem sie ihr altes Image mit düsterem Art-Pop dekonstruierte. Besonders beunruhigend: „Houdini“, der vorletzte Song der Platte. Bush singt hier aus der Perspektive der Frau des titelgebenden Illusionisten, die ihrem Mann via Kuss den befreienden Schlüssel zustecken muss. In einer Sekunde singt sie noch eine ihrer zartesten Passagen, untermalt von barocken Streichern, nur um sich in der nächsten zum furchteinflößenden Ungeheuer zu verwandeln. „With your life the only thing in my mind / We pull you from the water“, krächzt sie markerschütternd. Der Legende nach musste sie einen Eimer Milch und zwei Schokoriegel konsumieren, um diese Stimmlage hinzubekommen. Das Bild der engelsgleichen Pop-Sängerin hatte sie auf jeden Fall erfolgreich zerstört.

„Running Up That Hill (A Deal With God)“ (1985)

„The Dreaming“ war zwar ein kreativer Befreiungsschlag, aber auch ein kommerzieller Flop. Bis zu ihrem nächsten Album sollten drei Jahre ins Land ziehen. In der Zeit hatte Bush sich in einer Scheune ein eigenes Studio gebaut, in dem sie in nahezu kompletter Eigenregie ihr bis dato bestes Album zusammenzimmerte. „Hounds Of Love“ kann als eines der wichtigsten musikalischen Werke des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden, aus zweierlei Gründen. Nr. 1: Die erste Hälfte der Platte beinhaltet einige ihrer besten Pop-Songs überhaupt – allen voran „Running Up That Hill (A Deal With God)“, der das Album mit galoppierenden Tom-Toms eröffnet. Bush jagte ihre eigene Stimme durch ihren Fairlight CMI Synthesizer, um im donnernden Chor mit sich selbst den kraftvollsten Refrain ihrer Karriere zu singen. Eine gleichermaßen eingängige wie überwältigende Tour de Force von einem Song, der einen auch 33 Jahre später noch immer mit seiner geballten Intensität überrollt.

„Hello Earth“ (1985)

Grund Nr. 2: Auf der B-Seite mutiert „Hounds Of Love“ zu einer progressiven Art-Rock-Suite. „The Ninth Wave“ ist der Name dieser siebenteiligen Komposition, die in ihrem Spagat zwischen Komplexität und Eleganz viele Prog-Rock-Meisterwerke erblassen lässt. Im Gegensatz zu ähnlich ambitionierten Bands wie Yes oder Emerson, Lake And Palmer liegt Bushs Fokus nicht auf Virtuosität, sondern auf dem Fluss. Ein fantastisches Beispiel ist „Hello Earth“, der vorletzte Abschnitt der Suite, der im Verlauf seiner sechs Minuten stetig zwischen einer emotionalen Piano-Ballade, Ambient-Streichern und gregorianischem Chroral oszilliert. Bush lässt diese heftigen Kontraste nahtlos ineinanderfließen und erschafft dabei eine kunstvolle, düstere Collage.

„Heads We Are Dancing“ (1989)

Ihr darauffolgendes Album „The Sensual World“ steht stark im Schatten seines Vorgängers. Trotzdem lassen sich hier einige essentielle Songs finden, wie zum Beispiel „Heads We Are Dancing“. Über einen New-Order-esken Beat und einer pulsierenden, vom Japan-Mitglied Mick Karn gezupften Bassline demonstriert Bush ihren oft unterschätzten, schwarzen Humor: „Well I didn’t know who you were / Until I saw the morning paper“, lamentiert die Protagonistin des Songs, die erst am Morgen danach bemerkt, dass ihr Date der leibhaftige Adolf Hitler ist. „They say that the devil is a charming man / And just like you I bet he can dance“, heißt es später. Ein schräges Stück Art-Pop, das in seiner Surrealität bemerkenswert ist.

„Misty“ (2011)

Nach dem 1989er Album folgten zwei eher mittelmäßige Langspieler („The Red Shoes“, „Aerial“) und eine Compilation („The Directors Cut“). Erst 2011 sollte sie wieder ein Album veröffentlichen, das sich mit ihren großen Werken messen konnte: „50 Words Of Snow“ war das große Comeback des Jahres 2011. Der Höhepunkt: „Misty“, ein sich über dreizehn Minuten stetig steigernder Song, der im Finale in einem emotionalen Feuerwerk gipfelt, das man sonst vielleicht nur von späten Talk-Talk-Platten kennt. Bush erreicht diese Intensität ganz ohne verzerrte Gitarren oder Wall Of Sound, sondern nur mit Stimme, Piano und Streichern.

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Diskussionen

2 Kommentare
  1. posted by
    Maria
    Jul 30, 2018 Reply

    Hallo
    Danke für den Beitrag.
    Allerdings erscheint es mir, dass der Verfasser/die Verfasserin des Artikels nicht intensiv genug in die „mittelmäßigen Langspieler“ hinein gehört hat bzw nicht gut genug recherchiert hat.
    Ansonsten kann ich mir dieses Urteil nicht erklären.
    The Red Shoes ist ein sehr persönliches Album ( Tod der Mutter, Trennung von Del Palmer) und Aerial ist nach 12 Jahren Pause das erste Album, mit sphärischen Arrangements, die u.a. ihre starke Verbundenheit zur Natur widerspiegelt.
    Von Mittelmäßigkeit kann da nicht die Rede sein.
    Sorry.

    • posted by
      ByteFM Redaktion
      Aug 15, 2018 Reply

      Liebe Maria,
      danke dir für deinen Kommentar! Als Verfasser des Artikels hatte ich nicht die Absicht, „The Red Shoes“ und „Aerial“ als schlechte Alben abzustempeln. Die für mich gefühlte „Mittelmäßigkeit“ entsteht nur im direkten Vergleich zu ihren früheren Meisterwerken wie „The Dreaming“ oder „Hounds Of Love“. Auch das ist aber nur meine persönliche Einschätzung. Tut mir Leid, wenn das unklar herübergekommen ist. Generell ist es auch unnötig, bei ihrem Gesamtwerk überhaupt irgendetwas als mittelmäßig zu bezeichnen, da bin ich deiner Meinung.
      Liebe Grüße und danke für dein Feedback,
      Marius Magaard / Redaktion ByteFM

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