Kaytranada – „99.9%“ (Rezension)

Cover des Albums 99.9% von KaytranadaKaytranada – „99.9%“ (XL Recordings)

Kaytranada war bereits ein Star, noch bevor er ein Album aufgenommen hatte. Zumindest in der schönen neuen Soundcloud-Welt, in der man nur genügend Follower braucht, um gut bezahlte DJ-Gigs zu bekommen. Doch der junge Producer aus Montreal wollte nicht weiter mit anderen Internet-Sensationen um die Welt reisen. Er wollte im Keller seiner Eltern ein Album machen und seinen großen Helden nacheifern: Madlib und J Dilla, den Neptunes und A Tribe Called Quest.

„99.9%“ ist dieses Album, das Kaytranada in den letzten zwei Jahren für das prestigeträchtige britische XL-Label produziert hat. Es bringt alle Sounds zusammen, die Kaytranada offensichtlich liebt: metallischen R&B und melodiösen NeoSoul, sonnendurchfluteten House, kantigen Boombap mit Jazz-Einschlag. Die Feature-Gäste auf „99.9%“ geben Aufschluss über die musikalische Sozialisation (Craig David, Karriem Riggins, Phonte von Little Brother), aber auch über die Ambitionen im Hier und Jetzt (Goldlink, Anderson .Paak, Syd von The Internet).

Um diese Platte im Club spielen zu können, ist sie eigentlich zu wenig druckvoll gemischt. Kaytranada sagte, er habe das Album bewusst so klingen lassen wollen wie die Prince- und Michael-Jackson-Demos, die er so gerne hört. Tatsächlich zeigt sich gerade hier, dass er ein waschechter Madlib-Schüler ist. Das schnoddrige LoFi-Sound-Design verleiht dem Album eine angenehme Unperfektheit und grenzt es deutlich vom hochgezüchteten EDM-Trap ab.

Kaytranadas Produktionen sind durchsetzt von raffinierten Ideen, die manchmal disparat erscheinen: Staubige Drums treffen auf Sub-Bässe, Tropicalia-Samples auf House-Beats, analoge Synthies auf stolpernde Jazz-Breaks. Sogar ein Ausflug in die Boogie- und Electro-Ära der frühen 1980er-Jahre ist dabei („Breakdance Lesson N.1“). Vor allem beweist Kaytranada, dass er nicht nur tanzbare Club-Edits aus alten R&B- und HipHop-Stücken basteln, sondern auch echte, eigene Songs schreiben kann.

Auf vielen Stücken von „99.9%“ wird gerappt, gesungen oder beides, doch würde man es kaum als Rap- oder R&B-Album bezeichnen. Mehrere Tracks zielen mit gerader Bassdrum direkt auf den Dancefloor, aber es ist auch keine Club-Platte. Stattdessen hat Kaytranada genau das richtige getan: seine Einflüsse zusammengebracht und ein Debüt kuratiert, das all seinen musikalischen Vorlieben gerecht wird und dank eigener Handschrift trotzdem nicht zusammengewürfelt klingt – ein Album eben, das im Ergebnis nur dieser 23-jährige, haitianisch-stämmige, schwule Kanadier machen konnte.

Ein schillerndes, unprätentiöses, wunderschönes Album.


Kaytranada feat. Anderson .Paak // Glowed Up from Bo Mirosseni on Vimeo.

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