Kaytranada – „Bubba“ (Rezension)

Cover des Albums „Bubba“ von Kaytranada

Kaytranada – „Bubba“ (RCA)

6,8

Don’t judge an album by its cover, aber der Unterschied zwischen Erstling und Nachkomme ist hier wirklich im Artwork sichtbar. Kaytranadas Debüt „99.9%“ schummerte bunt und ließ die lebendige Magie des Soundspektrums kaum verorten. Was 2016 noch ein Flokati war, wo sich das Ohr in den dicht verwobenen Genre-Fasern verlor und nach erkennbaren Mustern tastete, ist 2019 kühler und konformer. Auf „Bubba“ lässt der haitianisch-kanadische Produzent, der mit bürgerlichem Namen Louis Celestin heißt, seine Gäste über einen teilweise spiegelglatten Untergrund flutschen – logisch, dass da weniger hängen bleibt. Kaytranada setzt diesmal sehr straight auf eine Melange aus R&B und House. Das kann fantastisch ansteckend klingen wie die Single „10%“ mit Kali Uchis, auf dem ein nasser Ball aus Bass durch das mehrstöckige Gewölbe sequenzierter Drums und kalt atmender Synths tanzt.

Wenn den Wellen aber die Tiefe entzogen und aus wogendem Deep-House eher ein gleichförmiger Strom wird, driften die Song mit ihren leichten R&B-Gesängen schnell ins Belanglose ab. „What You Need“ ist nicht mehr als das Standardmodell im Club-Baukasten. „Need It“ versucht das Experiment an der falschen Stelle, nämlich mit Masego als sehr bemühtem Schmacht-Rapper. Da trösten auch der bedrohlich zuckende Bass und die clever arrangierten Hochtöne nicht drüber hinweg.

Die Drums in „Vex Oh“ klopfen zwar unberechenbar das Trommelfell ab, können aber auch keinen Song spannend halten, dessen Pop-Harmonien den tausendmal gehörten Abfolgen gehorchen. Im nigerianischen Slang heißt „no vex“ so viel wie „kein Stress“. Aber bei Zeilen wie „Rap good, but I think I’m an asshole / Fuck me good then I fuck so long / That the moon and the sun switch position, a sinkhole / And I roll it over, I call it a pick roll“ bekommt selbst der Bauch Stressfalten.

High-End-Produktion und Low-End-Lyrics

Auf „Go DJ“ liegen die Lyrics von Rap-Chrooner SiR leider noch dichter am Low-end des Lass-uns-Liebe-machen-Spektrums. Beim Tanzen will man sicher keine binomischen Formeln lösen, aber: „I’m certain the DJ is on my team / Can I get a go DJ“? Ein Song, in dem wir den DJ alle mal kräftig anfeuern, weil er so geile Bumsmucke spielt?

Der Wermutstropfen des Albums zeigt sich am besten in den beiden Kollaborationen mit dem Schwestern-Duo VanJess. Die im April veröffentlichte Single „Dysfunctional“ tupft Disco-Funk auf ein Garage-House-Aquarell und VanJess lassen einen Hauch Whitney darüber wehen. Aber der Song ist eben nicht auf „Bubba“, dafür „Taste“ – schnurgerader Vocal-House der Marke Disclosure. Nicht schlecht also, top produziert, aber es fehlen die Genres umrankenden Ausläufer, die an Erinnerungen kitzeln.

„Bubba“ ist technisch ein Genuss für jede Anlage, die mehr Klang abbilden kann, als mitgelieferte Smartphonekopfhörer. Aber es klingt an zu vielen Stellen, als wollte Kaytranada uns sagen: So Leute, ich spiel‘ Euch jetzt eine Stunde den gleichen Song in zehn Kostümen. Am Ende nehmt Ihr irgendwen mit nach Hause, gebt alles! Die diesmal kürzeren, wenn auch starken instrumentalen Verschnaufpausen reichen da gerade mal zum Bier holen; nicht, um sich richtig fallen zu lassen.

Dabei hat „Kaytra“ durchaus schöne Beats geschustert für diese 50 Minuten. „Oh No“ drückt den Hüftbeuger in ungeahnte Positionen. „Midsection“ gönnt uns neben Pharrells Falsett einen Kuss aus Afrobeat und Chaka-Khan-Funk. Der Song steht wohl auch deshalb am Ende, weil er am wenigsten reinpasst. Darüber, ob das auch ein wenig damit zu tun hat, dass Kaytranadas Label RCA sich vom simplifizierten und auf Masse gepushten Sound mehr Klicks erhofft, lässt sich nur spekulieren. Dafür hätten sie sich dann gern jemand anderen suchen sollen, denn Kaytranadas exzellentes Produktionshandwerk ist für Fließbandware eigentlich zu schade.

Veröffentlichung: 13. Dezember 2019
Label: RCA

Das könnte Dich auch interessieren:

  • Felix Kubin und Hubert Zemler, die als CEL ein No-Wave-Kraut-Funk-Album gemacht haben. Ihr Stück „Elektrybałt“ ist heute unser Track des Tages.
    Felix Kubin und Hubert Zemler haben mit dem Produzenten Tobias Levin ein Album aufgenommen. Das Ergebnis ist retrofuturistischer No-Wave-Kraut-Funk. Der Song „Elektrybałt“ mit seinem kongenialen Video ist heute unser Track des Tages....
  • Nile Rodgers wird 65
    Sein eleganter Gitarren-Stil prägte ein ganzes Genre: Disco-Legende Nile Rodgers wird heute 65 Jahre alt....
  • Wargirl – „Dancing Gold“ (Videopremiere)
    Die US-Band Wargirl, bekannt für einen musikalischen Mix von Funk bis Reggae, läutet mit „Dancing Gold“ ihr neues Album ein. Das Video zur ersten Single hat heute Premiere bei ByteFM. ...


Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.