Kelela – „Hallucinogen“ (Rezension)

Cover des Albums Hallucinogen von KelelaKelela – „Hallucinogen“ (Warp)

7,8

Man könnte es sich zur großen Aufgabe machen, über Kelelas neue EP „Hallucinogen“ zu sprechen, ohne einmal den Namen FKA twigs in den Mund zu nehmen. Schon zu spät. Mal ehrlich, es liegt ja aber auch auf der Hand. Als Ex-BBC-Tastemaker Zane Lowe vor einigen Monaten zum ersten Mal Kelelas Song „A Message“ auf dem Apple-eigenen Radiosender Beats One spielte, war die Sache im Grunde schon gelaufen. Diese hallenden, metallenen Drums und verzerrten Background-Vocals, die irgendwo im Nirgendwo verlaufen – hier konnte es sich nur um eine Produktion des venezolanischen Produzenten Arca handeln. Und der zeichnete schließlich für nicht weniger als den frühen Trademark-Sound von FKA twigs verantwortlich (die ihre Produktionen mittlerweile größtenteils in den eigenen Händen hält). Und dann erst dieses Video. Da schneidet die sich doch ernsthaft ihre Dreadlocks ab. So zumindest lockt das Fashion-Mag i-D seine Social-Media-Abonnenten auf die YouTube-Premiere – OMG! Gut, die Hälfte der Strähnen bleibt dran, stellt man dann enttäuscht fest. Aber hey, eine exklusive Frisur gehört doch irgendwie im Kern auch zur Kunstfigur FKA twigs, oder?

Genau hier tut sich der feine Unterschied auf, der es bei allen Parallelen so ungerecht macht, diese beiden schillernden Post-R&B-Köpfe über einen Kamm zu scheren. Denn wo die groß angelegte Inszenierung bei FKA twigs zum eigentlich interessanten Moment wird, bleibt Kelela ganz auf dem Boden der Popmusik, allein im musikalischen Sinne. Ihre Stimme steht in den Songs stets ganz weit vorne, ihre Flows beugen sich dem Beat. Immer wieder betont Kelela in Interviews, dass sie es sich zur persönlichen Aufgabe gemacht habe, Clubmusik und Gefühl zu einer untrennbaren Einheit zu verschmelzen.

Die Mission begann in Los Angeles, bei der Hipness-Schmiede Fade To Mind. Deren Produzent/-innen statteten Kelela für ihr Mixtape „Cut 4 Me“ mit jeder Menge basslastigen Clubbrettern aus. Zwei Jahre später ist nicht nur eine Deluxe-Version des Online-Tapes als physischer Tonträger erhältlich, sondern mit „Hallucinogen“ nun auch eine (verspätete) EP für die britische Qualitätsinstanz Warp Records im Kasten. Diese führt konsequent fort, was „Cut 4 Me“ begonnen hatte: Mit „Rewind“ liefert Produzent Kingdom ein zwingendes 2-Step-Update, das auch Janet Jackson als frisches Facelift gut gestanden hätte. Der Maschinenliebhaber Gifted & Blessed schraubt für „The High“ Techno so weit runter, bis man sich an Post-Dubstep erinnert. Außerdem wurde der Kalifornier DJ Dahi, der zuletzt etwa als Produzent für Rapper Drake in Erscheinung trat, geladen, um den HipHop-Sound der Bay-Area in ein zeitgemäßes R&B-Korsett zu pressen – klingt schwierig, funktioniert aber wunderbar. Dann wäre da noch Arca. Wie gesagt, der macht, was Arca halt so macht.

Ach ja, und Kelela? Wie sagte sie doch in einem Interview mit dem Magazin The Cut vor einiger Zeit so passend über ihre Bühnenpräsenz? „It’s not cute. I’m just singing, I’m going off.“ Loslassen also. Und dann seien da noch diese besonderen Momente: „Times when I really want to go … even more off.“ Mit „Hallucinogen“ hat Kelela einen ebensolchen Moment eingefangen. Einen Moment des Kontrollverlusts, der vielleicht auch dem streng disziplinierten Auftritt einer FKA twigs gut stände. Aber fangen wir nicht wieder damit an.

Label: Warp

Das könnte Dich auch interessieren:



Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.