Kruder & Dorfmeister – „1995“ (Rezension)

Bild des Albumcovers des Album

Kruder & Dorfmeister – „1995“ (G-Stone Recordings)

8,7

Die erste Nachricht, die über „1995“ kursierte, kam aus dem Nichts und klang ziemlich mysteriös: Ein 25 Jahre altes Debütalbum von Kruder & Dorfmeister wurde auf einem Dachboden gefunden. Ein Album also, auf das vor 25 Jahren schätzungsweise die halbe Welt gewartet hatte. Und das lag 25 Jahre lang einfach so irgendwo herum?

Das war Ende August 2020, da wurde gerade die Vorab-Single „Johnson“ veröffentlicht. Jetzt, einige Monate später, liegt das Album auf dem Plattenteller, es wurde im Homeoffice dazu getanzt und Peter Kruder und Richard Dorfmeister haben sich selbst dazu geäußert: Im ByteFM-Interview sagten die beiden Wiener, im feinsten Schmäh, dass sie sich im Herbst 2019 getroffen hätten, um alte Sachen von K&D anzuhören, was sie sonst nie machen würden. Ein White-Label, eine Test-Pressung, aus dem Jahr 1995 fiel ihnen dabei in die Hände. Die beiden haben „diese Platte dann am Abend angehört und in der Sekunde befunden, dass das jetzt eigentlich mal das Licht der Welt erblicken sollte“. Die Kritik, dass da alte Sachen aufgewärmt und veröffentlicht werden, weisen Kruder & Dorfmeister jedoch zurück: „Wir waren sofort wieder in die Anfangsphase unseres Schaffens zurückversetzt und haben uns direkt wohlgefühlt.“

Back To The 90s

Ein richtiges Album hätten die Fans ohnehin wegen der umfänglichen „K&D Sessions“ (veröffentlicht im Jahr 1998) nie vermisst – die Session wurde wie ihr Album verstanden. Und wenn man jetzt beide hintereinander hört (in beiden Fällen, aufgrund der fetten Grooves, am besten von Vinyl), dann klingt Vieles tatsächlich wie aus einem Guss. Sounds von den „Sessions“ finden sich auf „1995“ wieder und umgekehrt. Eine Zeitreise von 1995 nach 2020 und zurück.

Sie machten damals aus dem grauen Wien eines der Epizentren des Downbeat und die dafür wichtigen Elemente sind auf „1995“ vertreten: HipHop, Trip-Hop, Jazz und – am besten nachzuhören auf „Don Gil Dub“: Bossa Nova und Dub. In den sozialen Medien verrieten Kruder & Dorfmeister, in ihrer sehr eigenen, humorigen Art, dass sie schon damals wussten, dass genau so eine Platte 2020 benötigt werden würde.

Beim ersten Hören des ersten Stücks, dem Opener „Johnson“, kam noch der Verdacht auf, dass die Vorab-Single vielleicht das Highlight, das beste und spannendste Stück der Platte sein würde. Diese unglaublich gute Verarbeitung eines kurzen Samples aus „Sweet Home Chicago“ von Robert Johnson, dem King Of Delta Blues aus dem Jahr 1937. Doch zum Glück gibt es ebenbürtige Stücke. Die A-Seite endet mit „Dope“ und die B-Seite beginnt mit „King Size“ – zwei Beispiele für einen fetten Groove, wie ihn vielleicht nur Kruder & Dorfmeister hingekriegt haben im Jahr 1995.

Nachdem man mit „Morning“ auf der C-Seite mit den beiden den Tag begonnen hat und „In Bed With K+D“ war, gibt es auf der D-Seite, fast zum Schluss, ein 13-minütiges Epos: „One Break“ beginnt dezent, ambientartig und endet in einem ausladenden Oldschool-Drum&Bass. Das kommt ziemlich unerwartet. Genau wie „1995“.

Veröffentlichung: 13. November 2020
Label: G-Stone Recordings

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Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Waitin‘ for the Wind | E-BEATS
    Nov 21, 2020 Reply

    […] so (aber auch ganz schön) alt, das erste Kruder & Dorfmeister Album. Obwohl 1995 fertig gestellt, kam es eben erst heraus. Wolfgang Haffner empfiehlt’s mir […]

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