Zum Tod von Krzysztof Penderecki: Atonale Ungetüme in der Popkultur

Foto des Komponisten Krzysztof Penderecki, der am 29. März 2020 im Alter von 86 Jahren gestorben ist.

Krzysztof Penderecki (Foto: Schott Music)

Die Kompositionen von Krzysztof Penderecki sind meilenweit entfernt vom Pop. Die berühmtesten Werke des polnischen Komponisten haben keine Melodien. In seiner über 60 Jahre andauernden Karriere schuf der am 23. November 1933 in Dębica geborene Künstler klanggewordene Ungetüme, in denen im wahrsten Sinne des Wortes auf Streichinstrumente eingehackt wird.

Violinen, Celli und Bratschen klingen in seinem berühmtesten Werk, „Threnody For The Victims Of Hiroshima“, nach so ziemlich allem, außer nach Instrumenten. In der Notation stehen so gut wie keine Noten, sondern Symbole. Für die Augen von Laien ein sich kaum erschließendes Gewirr aus Spiralen, Pfeilen, Bögen und Kreisen. Zeichen, die die Instrumente zum Schreien animieren sollen. Sie ächzen. Sie keuchen.

Doch die Töne sind greifbarer, als sie zunächst scheinen. Obwohl seine Musik so dermaßen atonal ist, hat Penderecki einen maßgeblichen Einfluss auf den Pop ausgeübt. Am 29. März 2020 ist er im Alter von 86 Jahren gestorben. Das hier sind fünf maßgebliche Überschneidungen von Krzysztof Penderecki und der Popkultur:

1. „How To Disappear Completely“

Der wohl größte Penderecki-Jünger der Pop-Musik ist Jonny Greenwood, der Chef-Klangzauberer von Radiohead. Am meisten spürt man das in den Soundtracks des Briten: Er arbeitete bei seinem Score zu Paul Thomas Andersons Ölrausch-Epos „There Will Be Blood“ ebenfalls mit Symbol-Notation. Seine die Spannung ins Unerträgliche steigernden Streicher-Gemetzel tragen klar die Handschrift Pendereckis. Doch auch in seiner Hauptband finden sich deutliche Referenzen: „How To Disappear Completely“, die Ballade im Zentrum des Radiohead-Opus-Magnum „Kid A“, wäre eigentlich ein zarter Folk-Song – wenn da nicht die von Greenwood arrangierten dissonanten Violinen wären, die im Hintergrund wie Lawinen die Klangberge herunterstürzen. Greenwoods Verehrung mündete 2012 in einem gemeinsamen Album, auf dem seine Kompositionen Seite an Seite mit denen des Altmeisters erklingen.

2. „Polymorphia“ (Aphex Twin Remix)

Ein weiterer Penderecki-Fan, der auch mit ihm zusammenarbeitete, ist Electronica-Weirdo Aphex Twin. Richard D. James, wie der britische Produzent mit bürgerlichem Namen heißt, bewegt sich in seiner Musik gerne in ähnlich atonalen Gefilden – der Tinnitus-Drone von „Ventolin“ könnte auch aus Pendereckis „Threnody“ stammen. 2011 machten beide Künstler auf der Bühne gemeinsame Sache – mit einem von einem Live-Orchester begleiteten „Remix“ von Pendereckis Streichorchester- und Chor-Komposition „Polymorphia“. Das Resultat klingt wie nicht von dieser Welt.

3. „Where Is Home?“

Radiohead ist nicht die einzige (Indie-)Rockband, die sich von Penderecki inspirieren ließ. 1992 eröffneten Manic Street Preachers ihre Single „You Love Us“ mit einem 30-sekündigen „Threnody“-Sample, während The-Band-Gitarrist Robbie Robertson während des Songwriting-Prozesses für ihr hochambitioniertes Album „Moondog Matinee“ (1973) laut eigener Aussage sehr viel Penderecki hörte. Auch Kele Okereke, Sänger der Band Bloc Party, war während der Arbeit an ihrem zweiten Album „A Weekend In The City“ von Penderecki beeinflusst. Hört man die fiesen Violinen im Intro und die eskalierenden Streicher im Outro von „Where Is Home“, versteht man, warum.

4. Penderecki in der Filmmusik

Wenn man Pendereckis Kompositionen mit nur einem Wort beschreiben sollte, dann liegt „angsteinflößend“ sehr nah. Kein Wunder also, dass seine Musik so unglaublich oft in Meilensteinen des Horror-Kinos verwendet wurde. In William Friedkins Klassiker „The Exorcist“ erklingt eines seiner Streichquartette, als Kontrapunkt zum Grauen auf der Leinwand. In „The Shining“ untermalte Stanley Kubrick den eskalierenden Horror im Overlook Hotel mit zahlreichen Penderecki-Kompositionen, unter anderem mit dem bereits erwähnten Werk „Polymorphia“. „Part 8“, der surreale Höhepunkt der 2017 veröffentlichten dritten Staffel von David Lynchs Serie „Twin Peaks“, wäre ohne Pendereckis „Threnody“ wohl nur halb so wirkungsvoll. Seine Musik hat die Macht, das Unbeschreibliche fühlbar zu machen.

5. Beth Gibbons & The Polish National Radio Symphony Orchestra – „Henryk Górecki: Symphony No. 3“

Neben seiner Arbeit als Komponist galt Penderecki auch als begnadeter Dirigent. 2019 erschien eine bemerkenswerte Aufnahme von Henryk Góreckis 3. Sinfonie, gesungen von Portishead-Sängerin Beth Gibbons – und dirigiert von Krzysztof Penderecki. Góreckis Komposition ist ein Werk von großer Trauer, ein Konzeptwerk über Mütter, die durch Krieg und Gewalt von ihren Kindern getrennt wurden. Sie ist nicht ohne Grund als „Symphony Of Sorrowful Songs“ bekannt. Gibbons, eine Meisterin der tieftraurigen Pop-Musik, singt sie mit schier unerträglicher Schwere – und Penderecki dirigiert sie im perfekten Kontrast, mit ruhiger, graziler Hand. Es sollte die letzte LP sein, an der er mitwirkte. Die letzte von Penderecki beeinflusste LP wird es auf keinem Fall gewesen sein.

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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