Marvin Gaye – „You’re The Man“ (Rezension)

Cover des Albums „You're The Man“ von Marvin Gaye

Marvin Gaye – „You’re The Man“ (Motown)

7,0

1972 war eigentlich eine gute Zeit, um Marvin Gaye zu sein. Der US-amerikanische Soul-Sänger hatte ein Jahr zuvor gegen den Willen von Motown-Chef Berry Gordy sein aufwühlendes Konzept-Album „What‘s Going On“ durchgeboxt. Gordy glaubte nicht an das kommerzielle Potential dieser Protest-Songs, schimpfte gar den Titelsong den „größten Haufen Scheiße, den er jemals gehört habe“. Dieses „piece of crap“ stand dann allerdings für fünf Wochen an der Spitze der R&B-Charts.

Doch, wie Gaye selber einst seinem Biograf David Ritz sagte: „When you‘re on top of the world, there‘s nowhere to go but down.“ 1972 veröffentlichte Gaye seine erste neue Single seit „What‘s Going On“ – und war mit ihr noch politischer und wütender als zuvor. In „You‘re The Man“ griff er die Wahlversprechen des Präsidentschaftskandidaten George McGovern direkt an. Doch selbst ein Pop-Zauberer wie er konnte Zeilen wie „The nation’s taxation / Is causin‘ all, all this inflation“ nicht in Charts-Gold verwandeln. Bevor Gaye seine Pläne eines gleichnamigen Albums voll realisieren konnte, zog Motown den Stecker – die Single „You‘re The Man“ floppte, die LP wurde eingestampft und Gayes nächstes Album wurde die betont apolitische Sex-Musik „Let‘s Get It On“.

Nachdem Gaye am 1. April 1984 von seinem Vater erschossen wurde, erschienen immer wieder Songs aus den „You‘re-The-Man“-Sessions auf posthumen Kompilationen. Doch erst jetzt, pünktlich zu seinem 80. Geburtstag, veröffentlicht Motown eine Form dessen, was eigentlich „You‘re The Man“ hätte sein können. 17 Songs, einige von ihnen geremixt vom Amy-Winehouse-Produzenten Salaam Remi. Die Ironie liegt auf der Hand: Damals nicht gut genug für den Markt, aber nun anlässlich eines medienstarken runden Geburtstags plötzlich wieder lukrativ.

Richtungslose Pop-Zauberei

In der eingangs erwähnten Entstehungsgeschichte zu „What‘s Going On“ wird Berry Gordy gerne als der Bösewicht dargestellt, der nicht an Gayes politische Pop-Vision glaubte. In Bezug auf „You‘re The Man“ könnte man ihm jedoch fast recht geben. Der Titeltrack groovt stark und Gaye gibt als Sänger wie gewohnt alles – doch der Song ist überraschend richtungslos, mäandert über sechs Minuten mit erhobenem Zeigefinger vor sich hin. Beeindruckender ist der zweite Song „The World Is Rated X“, ein bedrohliches Stück Conscious-Funk. Gayes verzweifelte Stimme schlängelt sich durch ein dichtes Netz aus nervös vibrierenden Streichern und eng verzahnten Percussions – und erreicht immer wieder die Gänsehaut-Höhepunkte, die man von diesem Künstler gewohnt ist.

Auch der weitere Verlauf des Albums ist ein stetiges Auf und Ab. Der herzerwärmende Gospel „Piece Of Clay“ geht Hand in Hand mit dem müden „Where Are We Going“. „I‘d Give My Life For You“ ist eine überwältigende Ballade, deren überlebensgroßer Pathos sich mit den größten Gaye-Meisterwerken messen kann – doch die herablassende Pseudo-Feminismus-Party „Women Of The World“ bremst im Anschluss das Momentum. „Now that your eyes meet mine / You see a brand new generation“, singt er hier anbiedernd.

Was bleibt ist ein Album, mit dem nicht ganz klar ist, was man mit ihm anfangen soll. Gaye-Ultras haben den Großteil der Songs eh schon. Gaye-Neulinge haben eine der beeindruckendsten Diskografien des Soul vor sich – und sollten lieber zu „What‘s Going On“ oder „Here My Dear“ greifen. „You‘re The Man“ ist absolut hörbar, aber nicht ansatzweise so transzendental, wie man es von diesem Künstler gewohnt ist.

Marvin Gayes 80. Geburtstag bei ByteFM

Am 2. April 2019 wäre Marvin Gaye 80 Jahre alt geworden. Götz Bühler erinnert darum heute um 13 Uhr in einem ByteFM Container an den Musiker und spielt eine Stunde lang dessen Songs. Auch Dirk Böhme widmet sich am 3. April 2019 um 20 Uhr in einer neuen Ausgabe seiner Sendung Verstärker Gayes verschollenem Album – und so viel sei verraten: Für ihn ist „You’re The Man“ schon jetzt eine der Platten des Jahres.

Bereits am 1. April 2019 war Marvin Gaye Thema bei Klaus Walter und Was ist Musik. Mitglieder des Fördervereins „Freunde von ByteFM“ können diese sowie alle anderen Sendungen nach der Erstausstrahlung auch in unserem Archiv nachhören.

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