Mavis Staples in sechs Songs: von der Bürgerrechtsbewegung in den Indie-Olymp

Schwarzweißfotografie der US-Sängerin Mavis Staples

Mavis Staples (Foto: Anti-)

Mavis Staples ist vermutlich die einzige Person auf der Welt, die sowohl vor einer Rede von Martin Luther King Jr. als auch auf einem Gorillaz-Album gesungen hat. In den 60er-Jahren war sie als Teil der Familien-Band The Staple Singers eine der wichtigsten Stimmen der Bürgerrechtsbewegung, die die Brücke von christlicher Gospel-Musik zu weltlicher Protest-Musik spannte. Heute singt sie Seite an Seite mit Pusha T oder Arcade Fire.

Seit über 60 Jahren ist die US-amerikanische Sängerin aus der Pop-Musik nicht mehr wegzudenken. Heute, am 10. Juli 2019, wird Staples 80 Jahre alt – und ist immer noch so vital und produktiv wie eh und je. Wir haben die stürmische Karriere der Mavis Staples in sechs Songs porträtiert.

„Uncloudy Day“ (1956)

Mavis Staples wurde am 10. Juli 1939 in Chicago als jüngstes von vier Geschwistern geboren. Ihr Vater Roebuck „Pops“ Staples war ein alter Blues-Veteran, der bereits mit Legenden wie Robert Johnson und Son House Gitarre spielte. Als Mavis neun Jahre alt war, gründete „Pops“ gemeinsam mit ihren älteren Geschwistern The Staple Singers. Die Gruppe spielte Gospel-Songs in umliegenden Kirchen, vor begeistertem Publikum. 1952 nahm das Label Vee Jay Records The Staple Singers unter Vertrag – vier Jahre später landeten sie mit „Uncloudy Day“ ihren ersten Hit. Es ist ein minimalistischer Gospel, ausschließlich von „Pops‘“ schwereloser Tremolo-Gitarre begleitet. Ganz vorne: die tiefe, unmittelbar das Trommelfell streichelnde Stimme von Mavis. Der Song beeinflusste auch den jungen Bob Dylan, der Jahre später in einem Interview erzählte: „Es war das Mysteriöseste, was ich jemals gehört habe. Es war wie einziehender Nebel. […] Es ging einfach durch mich durch.“

„For What It‘s Worth“ (1967)

Gospel war von jeher die Musik der Kirche – und keine Musik des politischen Protests. Dies änderte sich in den 60er-Jahren, als die Bürgerrechtsbewegung Tausende von unterdrückten AfroamerikanerInnen auf die Straße trieb. Die Politisierung des Gospels fand bei The Staple Singers einen Höhepunkt: Die Band coverte weiße Protestsongs im afroamerikanischen Gospel-Gewand. Neben Dylan-Songs wie „Masters Of War“ oder „A Hard Rain‘s A-Gonna Fall“ interpretierten sie die Buffalo-Springfield-Hymne „For What It‘s Worth“. Mavis und ihre Schwestern sangen Zeilen wie „I think it’s time we stop, children, what’s that sound / Everybody look what’s going down“ mit unausweichlicher Dringlichkeit – und machten sie damit noch ein bisschen unsterblicher.

„I‘ll Take You There“ (1972)

Ende der 60er-Jahre unterschrieben The Staple Singers bei dem legendären Label Stax Records und bewegten sich mit ihrem Sound weg von der geistlichen Musik, in Richtung Funk und Soul – ohne dabei ihre politische Kante zu verlieren. In „I‘ll Take You There“ – ihrem ersten Nr.-1-Hit – singt Mavis von einem friedlichen Utopia – das in einer Zeit, in der der Vietnam-Krieg auf seinem Höhepunkt tobte, unerreichbar schien. Ihr Bruder und früheres Bandmitglied Pervis wurde erst wenige Jahre zuvor eingezogen. In einer einzigen ununterbrochenen Strophe kanalisiert sie persönliche Ängste, Wut und Verzweiflung in ekstatische Soul-Musik. Mavis brauchte keine wortlastigen Strophen für Protest – ihre ins Mark gehenden „Ooohs“, „Aahs“ und „Mercys“ sagen mehr als jeder Text.

„Time Waits For No One“ (1989)

Parallel zu The Staple Singers startete Mavis Staples 1969 einen ersten Versuch einer Solokarriere. Wirklich erfolgreich wurde diese erst in den 80er-Jahren – mit den beiden von Prince produzierten LPs „Time Waits For No One“ und „The Voice“. Die Funk-Legende schneiderte Staples ein schillerndes zeitgenössisches R&B-Gewand auf den Leib – das sie sich mit Leichtigkeit zu eigen machte. Der Titeltrack von „Time Waits For No One“ ist bombastischer Breitband-Pop, der auch von Whitney Houston oder Janet Jackson hätte gesungen sein können – aber in Staples Händen zu einem ganz eigenen Biest wird. Hier klingt sie noch sinnlicher als Prince (der den Background-Gesang gibt).

„Let Me Out“ (2017)

In den 90er- und Nullerjahren veröffentlichte Staples zahlreiche Alben. Doch Mitte der 2010er-Jahre passierte etwas Neues: die Indie-Welt begann, sie mit offenen Armen aufzunehmen. 2016 erschien ihr Album „Livin‘ On A High Note“, auf dem KünstlerInnen wie Justin Vernon, Tune-Yards, Nick Cave und Ben Harper Songs für sie schrieben. 2017 sang sie auf „I Give You Power“, einer Single von Arcade Fire. Jeff Tweedy produzierte ihr Album „If All I Was Was Black“. Und Damon Albarn heuerte sie für das fünfte Gorillaz-Album „Humanz“ an. In „Let Me Out“ erklingt erst der harte Straßen-Rap von Pusha T – nur um danach im Refrain von Staples‘ mächtiger Stimme verschlungen zu werden.

„Change“ (2019)

„Ich muss wieder anfangen, Songs zu schreiben“, sagte Staples im Dezember 2016 der New York Times, kurz nach dem Wahlsieg von Donald Trump. „Es tut mir so weh, dass wir als schwarze Bevölkerung keinen Anführer wie Dr. Martin Luther King haben.“ Und sie weiß, wovon sie spricht. The Staple Singers traten regelmäßig vor Reden des Bürgerrechtlers auf. Auf ihren beiden seitdem veröffentlichten Alben „If All I Was Was Black“ und „We Get By“ singt sie sich ihre angestaute Wut aus dem Leib: „Fingers on the trigger around here / Bullets flying, mothers crying / We gotta change around here“, fordert sie in „Change“. Früher schlug sie die Brücke von afroamerikanischen Traditionals zu afroamerikanischer Protestmusik. Heute schlägt Mavis Staples die Brücke von der Bürgerrechtsbewegung zur brandaktuellen Protestmusik. Dabei hat sie auch im Alter von 80 Jahren nichts von ihrer Dringlichkeit verloren.

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