Mega Bog live in Jena (Konzertbericht)

Foto der US-Musikerin Erin Birgy alias Mega Bog

Erin Birgy alias Mega Bog

Im Paradiespark von Jena angekommen, fast am Ende einer von Erkältung und Blues geprägten Novembertour in Deutschland, beginnt die fünfköpfige Band – bestehend aus Komponistin, Sängerin und Gitarristin Erin Birgy sowie Kollegen von Big Thief, Hand Habits und Iji – ihr Set mit dem Titelsong des aktuellen, fünften Albums. „Dolphine“ beschwört in elf lyrisch-surrealistischen Kurzerzählungen untergehende Welten und andere Zukünfte, ein Leben im Wasser und zu Fuß. Moderne Kammermusik à la Julia Holter trifft hier schon mal auf Patti Smith, während Kevin Ayers und Robert Wyatt von Soft Machine die Runde trollen.

Wort und Musik gehen live noch überzeugender eine ätherische, synästhetische Melange ein, die kleine Verschiebungen im Konzertraum erreicht und unter der flachen Holzdecke nachhallt. Langsam zieht Birgys getragene Stimme und das synkopisch hinterherhechelnde Keyboard den mit seinen 30 Leuten gut gefüllten gläsernen Pavillon des Glashauses an sich.

Mythische Kleinode oder minimalistische Pop-Opern

Ansatzlos (und ohne Ansagen) reihen sich perlende Akkordsequenzen mit den glitzernden Chimes-Stäben des Drummers bis zur erneuten Strophe, die manchmal gehaucht, dann gesungen von Fabelwesen berichtet. Von Paaren, die zu Ambient tanzen, auf Flöten Bossanova nachahmen. Bis sie innehalten, um auf das Jauchzen am Ende des Crescendo zu warten. Es sind dissonant-polyphone Klanggemälde, die sich vor den ZuschauerInnen aufbauen, übereinanderschichten und filetiert in ihre Bestandteile jeweils anders um die Ecke biegen. Diese produktive Kontingenz erreicht die Musik durch einen Überschuss an Dynamik-, Tempo- und Rhythmuswechseln, die trotz aller jazzigen Modulationen im Pop ruhen. Herausgehoben seien die Kleinode „Left Door“ und „For The Old World“, aber auch die Vier-Minuten-Mini-Oper „Truth In The Wild“ (alle von „Dolphine“), in der das Keyboard zum Vibraphon mutiert und Mega Bogs selbsternannter „Sci-Fi-Pop“ am besten zur Geltung kommt.

Es ist mittlerweile sehr herbstlich und der Nebel hat das Saaletal gänzlich eingenommen. Nur noch der rote „Intershop“-Schriftzug auf dem JenTower leuchtet schwach durch die Zweige. Nach ihrem kleinen Hit „Diary Of A Rose“ ist für die Band, die sich ins Publikum verabschiedet, nach weniger als einer Stunde schon wieder Schluss. Erin Birgy schiebt noch die unveröffentlichte minimalistische Ballade „Emilia“ nach: Sie haucht alleine, flüstert mit geschlossenen Augen bruchstückhafte, schwer nachprüfbare Teilwahrheiten, die die komplexe Realität ordnen, ihr sinnstiftende Bedeutung zuschreiben und eine Brücke in die Gegenwart schlagen. So werden Mythen definiert.

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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