Meine 80er

Es war einmal …
Über die „Super-Nanny“ muss ich lachen. Wahrheitsverdrehungen a la „Bild“? Selber schuld, wer daran glaubt. „Prominent“, „Brisant“, „Goodbye Deutschland“, „Nur die Liebe zählt“, „Bauer sucht Frau“, „Vermisst“ – alles schon mal gesehen, also nicht mal ignorieren.

Bin ich also völlig abgestumpft? Nein, denn eine Art von Sendung ruft immer, wenn ich auf sie stoße, heftige Abneigung bei mir hervor: 80er-Jahre-Shows. Egal, ob da nun die Musik im Mittelpunkt steht oder nur ein Teil des Ganzen ausmacht. Die 80er, die da gezeigt werden, sind völlig andere 80er, als die, die ich kenne. Meine 80er waren nicht lächerlich und albern, sie haben nichts mit Schulterpolstern zu tun, sie waren aufregend und heftig.

Am Anfang war ich noch nicht einmal in der Pubertät, am Ende hatte ich meine erste eigene Wohnung, ein erstes Mal ein gebrochenes Herz, eine erste Ahnung davon, dass ich vielleicht mal Journalist werden würde. Dazwischen lagen: Abitur, vier oder fünf verschiedene Haarfarben, Dschungel, Cri Du Chat und Linientreu, Prügeleien, Ärger mit der Polizei, bemalte Wände, Gerichtsverfahren, ein Skateboard, Reisen ins ersehnte London, Abtauchen in jugendliche Subkulturen. Das manchmal sehr normale, manchmal etwas extremere Leben eines West-Berliner Jugendlichen aus behüteten Verhältnissen, für den Musik eine große Rolle spielte.

Zu wem gehörte man? Was wollte man sein? Was für Gefühle erschütterten einen? Musik half, die Antworten auf solch existentielle Fragen zu finden. Mir jedenfalls. Das hatte nichts mit den 80ern zu tun, das hatte mit mir zu tun. Einen Bruchteil der Musik, die mich damals beschäftigte – und wirklich nur einen Bruchteil – habe ich in einen zweistündigen Mix gepackt. Die Songs haben fast alle eine gewisse melancholische Grundstimmung. Zum Teil habe ich sie erst Jahr nach ihrer Veröffentlichung entdeckt. Zum Teil haben sie mich bis heute begleitet.

Meine Neue Deutsche Welle waren nicht Nena und Markus und Spider Murphy Gang, meine NDW waren DAF und Nichts und Xmal Deutschland. Depeche Mode war für mich eine Zeit lang die beste Band der Welt. Und ihr bester Song war für mich die B-Seite ihrer ersten Single. Devo schlummerten lange im Plattenschrank meines großen Bruders, bevor ich sie für mich entdeckte. Dass Robert Palmer einen der schönsten Songs der 80er gemacht hatte, entdeckte ich etwa 2005. Damals lief der Song bei einem Oldie-Sender, für den ich ab und zu arbeitete. Ein schottisches Frauenduo, das auf poppig-elektronische Weise die Country-Sängerin Dolly Parton coverte, begleitete mich ein gutes Jahr. Und überzeugte vor allem mit den ruhigeren Songs die Mädchen, denen ich Mixtapes aufnahm, von meiner sensiblen Seite. Soft Cell und Blancmange, Yazoo und Visage, Japan und Fun Boy Three, Grace Jones und der Tom Tom Club, Fehlfarben, Boytronic, die Tubeway Army, New Order, Sisterhood und Jona Lewis – sie alle und das Knistern der Platten, auf denen die Songs zu finden sind, ergeben eine 120 Minuten langen Mix, der mir heute nicht mehr viel, aber damals fast alles bedeutete. Gute Musik ist es bis heute geblieben, finde ich.

Den zweistündigen Back to the 80s Time Tunnel Mix hört Ihr diesen Samstag ab 23 Uhr.

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Diskussionen

0 Kommentare
  1. posted by
    Chris
    Jul 15, 2010 Reply

    Hallo Byte!
    Ich mag diese Musik genauso wie den Moderator und seine Time Tunnel Sendung! Würde sehr gerne diese Sendung hören, habe aber Samstag keine Zeit dafür. Kann man sie sich denn danach im Archiv anhören?
    Hoffnungsvolle Grüße,
    Chris

  2. posted by
    Ruben Jonas Schnell
    Jul 15, 2010 Reply

    Hello Chris,

    na klar !
    Und wenn Du „Freund von ByteFM“ bist, also Mitglied im ByteFM-Förderverein, dann sogar kostenlos – genau wie ältere Ausgaben vom Time Tunnel.

  3. posted by
    Chris
    Jul 15, 2010 Reply

    Hallo Ruben Jonas,

    das Freut mich sehr! Dachte nur, ich frag mal nach, weil diese Sendung ja keine Reguläre Time Tunnel Ausgabe ist. Und übrigens spitzen Sache für Fördermitglieder das Archiv kostenlos benutzen zu können! Besten Dank und macht weiter so!!!

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