Mucksmäuschenstill – James Vincent McMorrow live in Köln

Was macht einen perfekten Konzertabend aus? Ein Rezept? Gibt es nicht. Zumindest ist mir keines bekannt. Aber was ich an diesem Abend zu Ohren bekomme, könnte ohne Zweifel auf der „Roten Liste“ ihren Platz finden. Mit den Ingredienzien Matthew Hermerein & Rhob Cunningham im Gepäck, begibt sich der irische Songwriter James Vincent McMorrow auf Welttournee. Mr. Hermerein mit Klampfe und Violine – eine interessante Kombination und zur Einstimmung nicht schlecht, aber zu schüchtern für das verhaltene Kölner Publikum. Ihm folgt Rhob Cunningham, schon eher ein Künstler mit Akustikgitarre, der die Kölner vom Rauchen in den Club zurückholt, aber der den Bann noch nicht brechen kann.

Immer mehr Menschen wollen in das Studio 672, das direkt unter dem Stadtgarten liegt. Im Grunde ein riesiger Partykeller, der für ausschweifende Partys prädestiniert ist und für Konzerte die passende Lagerfeuerstimmung bietet. 200 Besucher sind heute anwesend – ausverkauft – um den kauzigen Iren McMorrow live zu sehen. Genauso klanglos wie McMorrow die Bühne betritt, werden sich alle Anwesenden geräuschlos verhalten. Jeder Seufzer, jedes Rascheln, ja jede noch so kleine Bewegung ist während der Performance von McMorrow hörbar. Selbst die Thekenkräfte geben sich alle erdenkliche Mühe beim Getränkeausschank nicht zu laut vorzugehen. Man fühlt sich etwas an John Cages stilles Stück 4’33“ erinnert – eine Komposition die von der Geräuschkulisse im Publikum lebt.

McMorrows Performativität entsteht im Kopf des Zuschauers, denn ein großer Bewegungskünstler ist der Ire nicht. Fast statisch auf der Bühne, den Blick stets starr über das Publikum hinweg auf die gegenüberliegende Wand gerichtet. Als ein Freund der großen Worte kann man ihn auch nicht bezeichnen, seine Ansagen zwischen den Stücken sind eher reduziert und nahe an der Flüstergrenze. Und dennoch soll dieser Gig eine weitaus größere Druckwelle entfalten als jedes Punkkonzert. Da spielt es keine Rolle, dass durch die niedere Bühne und dem vollen Laden die Sicht zum Künstler einem fast verwehrt bleibt. Einen Höhepunkt der Show markiert „From the Woods!!“. Obwohl wir so dicht beieinander stehen, ist jeder Zuschauer ganz bei sich, ja fast schon isoliert von seiner Außenwelt. Natürlich kann ich nicht in die Köpfe des Publikums schauen, aber die Gesichtsausdrücke lassen darauf schließen.

Nachdem McMorrow Anfang 2009 die Zivilisation hinter sich ließ und für fünf Monate in ein kleines Haus an der irischen Küste zog, kehrte er mit seinem Debüt „Early In The Morning“ ins Leben zurück. Seine Stimme, kehlig und zerbrechlich zugleich, steht live der auf dem Album in nichts nach. Die Einsamkeit, die er während seines Schaffensprozesses erfuhr, soll auch an diesem Abend zum Sujet werden. Umgeben von einem blauen Vorhang, der als „blaue Stunde“ während der Dämmerung assoziiert werden könnte, erstrahlt McMorrow in warmen Rottönen förmlich als Sonnenaufgang. Irgendwie fühlt man sich geborgen im Spannungsfeld zwischen Nähe & Distanz und den kontrastreichen Farben. Als nach einer knappen Stunde ein „Thank you so much“ über seine Lippen kommt, soll es noch zwei Zugaben geben, eine davon komplett unverstärkt. Einfach trocken in den Publikumssaal rein, bevor er ohne ein Wort von Dannen zieht. Schade, er hätte bis zum Morgengrauen spielen dürfen.

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