Múm – „Yesterday Was Dramatic – Today Is Ok“ wird 20 Jahre alt

Cover des Albums „Yesterday Was Dramatic – Today Is Ok“ von Múm

Múm – „Yesterday Was Dramatic – Today Is Ok“

Trösten ist gar nicht so leicht. Worte genügen oft nicht, um ein aufgewühltes, vom Leben geschütteltes Herz zu beruhigen. Zumindest müssen sie mit Bedacht gewählt werden. Die Umarmung eines lieben Menschen hilft hingegen fast immer. Aber was, wenn gerade niemand da ist? Dann gibt es zum Glück „Yesterday Was Dramatic – Today Is Ok“, das Debütalbum der isländischen Band Múm. Dieses Jahr wird diese tröstende Insel der Geborgenheit 20 Jahre alt. Anlässlich des Jubiläums erscheint am 30. August 2019 eine Neuauflage des Albums auf Morr Music.

„Yesterday Was Dramatic – Today Is Ok“ entstand im Sommer 1999 in einer Hütte mitten in der Natur. Zwei Jahre nachdem Örvar Smárason und Gunnar Tynes sich mit den Zwillingsschwestern Gyða und Kristín Anna Valtýsdóttir zusammengetan haben, um experimentelle elektronische Stücke zu schaffen. Zu dieser Zeit waren die vier MusikerInnen noch im Jugendalter. Und haben mit ihrem Erstling eine ganz eigene Klangwelt geschaffen.

Alles glitzert. Pulsiert. Lebt.

Es ist eine Welt, in der Worte ihr Gewicht verloren haben. Und ein Meilenstein für die elektronische Musik. Deren kalkulierbare Logik zerfällt in den zehn Songs zu einem zarten Gewebe, in das auch analoge Instrumente eingeflochten sind. Glitch-Beats, digitale Clicks und Cuts umgarnen wie selbstverständlich Akkordeon, Glockenspiel und Harmonika. Diese Verbindung von analoger und digitaler Welt erzeugt eine traumhafte Atmosphäre, in der nichts ist, wie es scheint. Und einem zugleich alles eigentümlich vertraut vorkommt.

Mit dem Augenaufschlag „I‘m 9 Today“ beginnt die Reise in die unscheinbaren Zwischenräume, an denen Wirklichkeit und Traumwelt einander berühren. Wir müssen jetzt ganz leise sein. Und auf Zehenspitzen in verschlafener Wachheit ins Ungewisse schreiten. Nur so können sich unsere Erinnerungen wie Blüten öffnen, um alles Neue in einen zarten Duft der Vertrautheit zu hüllen: „Smell Memory“. Mit dieser Sicherheit werden die Beats treibender und die Synthesizer gebären immer neue Klangknospen. Wieder und wieder müssen wir innehalten. Unsere Augen aufschlagen, um die wundersame Vielzahl der kleinen Dinge vor uns erstrahlen zu sehen: „There Is A Number Of Small Things“. Bis wir plötzlich merken: Hier war ich schon. Und doch: Es ist alles anders. Alles glitzert. Pulsiert. Lebt.

So kindlich verspielt die Klangflächen wundersame Ornamente aus sich hervorbringen, so unverkennbar ist auch die zarte Melancholie, die immer wieder am Horizont dieses Albums aufscheint. Auf „The Ballad Of The Broken Birdie Records“ singt eine im Äther verschwindende Stimme von einem gebrochenen Vogel, der seine Stimme verloren hat: „Broken birdie / Lost his voice / Crying pictures / Swallowed me whole.“ Die Traurigkeit klingt im darauf folgenden „The Ballad Of The Broken String“ wider. Ob je ein Akkordeon schöner geweint hat als in diesem Song? Vielleicht brauchte es dafür erst die verschwurbelten Knackser und Kratzer, die ihm den nötigen Rahmen dafür geben.

Verborgene Schlupflöcher der Geborgenheit

Fast als hätte man sie ganz mit sich allein gelassen, scheint die Musik auf „Yesterday Was Dramatic – Today Is Ok“ wie von selbst Pforten, Übergänge und Schlupflöcher zu öffnen. Von Songstrukturen lässt sich schwer reden. Eher sind es Kristalle, die in alle Richtungen strahlen. Einander beleuchten. Und bei jedem Hören neue Facetten von sich preisgeben.

Was dieses Album so besonders macht, ist vielleicht gerade, dass es nicht versucht, etwas Besonderes zu sein. Jedes der zehn Lieder ist eine Einladung, sich mitnehmen zu lassen in eine verzauberte Welt. Aber nicht eine, in der man Zauberschlösser und Prinzen findet. Es ist vielmehr unsere vertraute Welt, in der soviel Furcht und Traurigkeit herrscht. Aber Múm lassen uns wissen, dass wir keine Angst haben müssen. Es ist ok. Wir dürfen uns ausruhen. Um vielleicht noch einmal die Augen so aufzuschlagen wie damals. Als wir noch ganz klein waren. Bis wir verborgene Schlupflöcher der Geborgenheit finden, von denen wir vorher nicht einmal wussten, dass es sie gibt.

Veröffentlichung: 23. Dezember 1999
Label: TMT Entertainment

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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