Neue Platten: Antony And The Johnsons – "Cut The World"

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6,6

Lange habe ich überlegt, was ich zu Antony And The Johnsons‘ neuem Album „Cut The World“ sagen solle. Wie ich beschreiben könne, was die orchestrale Vertonung mit den Stücken macht, was Antonys Stimme mit dem Orchester macht und umgekehrt – und natürlich darüber, was dieses Album mit uns macht. Mit einem Hörer, der alles von diesem Ausnahmekünstler kennt, der weiß, wie die Stücke in anderen Versionen klingen, wie seine Stimme in Duetten mit anderen klingt, wie er mit CocoRosie klingt, oder Björk, oder Leonard Cohen oder Boy George. Der, so wie ich, alles aufgesaugt hat, was dieser Mensch bisher produziert hat, und doch nicht genug bekommen konnte, von seinen melancholischen Kammermusik-Balladen ebenso wenig wie von den elektronischen Erzeugnissen mit Hercules And Love Affair. Aber auch, wie „Cut The World“ für jemanden klingen könnte, der bisher nichts oder nur sehr wenig über Antony weiß, über die bisherigen Kooperationen, über seine Geschichte und auch über ihn als Person.

Vielen könnte es ebenso gehen wie mir zu Beginn, mit ein wenig Enttäuschung darüber, dass es keine neuen Stücke sind, es sich lediglich um neue Versionen alter Stücke handelt, dass man alles schon mal gehört hat, dass die Überraschung fehlt, die einen erfassen kann, wenn man etwas Neues hört und es berührt und begeistert. Diese Enttäuschung allerdings verflog schnell – nach dem mehrmaligen Hören des Albums und besonders im tatsächlichen Vergleich mit den anderen Alben und Versionen. Und zurück blieb doch wieder Begeisterung über die Schönheit des Ganzen. Die orchestrale Vertonung betont das schon immer vorhandene Oper- und Operettenhafte an Antonys Stimme, die Ähnlichkeiten zur Kammermusik und die klassischen Anklänge. Der Instrumentierung wird viel Platz eingeräumt auf „Cut The World“, sich frei zu entfalten und zu wirken – mal opulent und dominant, mal still und vorsichtig. Immer jedoch bleibt die musikalische Umsetzung in gewisser Weise zurückhaltend, sie wird nie aufdringlich oder kitschig-überladen. Sie harmoniert perfekt mit dem dunklen Engelsgesang, der durchweg von der Unterstützung durch das Orchester profitiert und der live ebenso berührend und überzeugend ist, wie auf den Studioaufnahmen. Antonys Stimme klingt frei und schwebt über dem Klangteppich, den die Instrumente für sie auslegen, sie geleitet uns sanft durch das Album. Und dennoch bleibt immer das Gefühl, dass es doch schön gewesen wäre, das Ganze tatsächlich live zu erleben. „Cut The World“ unterstützt und vergrößert die Melancholie, die schon in den vorherigen Alben immer deutlich vorhanden war, es ist wesentlich vorsichtiger, vielleicht auch persönlicher – allerdings fehlt ihm auch in gewisser Hinsicht die Kraft und Stärke, die den Vorgängeralben immanent war.

„Cut The World“ ist für alle Liebhaber ein Muss, insbesondere für diejenigen, die bisher nicht die Chance hatten, Antony Hegarty selbst live zu erleben. Und mit „Cut The World“ gibt es ja auch doch noch den erhofften neuen Song – geschrieben für das Theaterstück über die serbische Performance-Künstlerin Marina Abramovic –, außerdem die siebeneinhalbminütige Rede Antonys über das Verhältnis von Transgender und Religion, deren Problemen und die Unmöglichkeiten eines „Future Feminism“. Der Vortrag, insbesondere direkt zu Beginn des Albums, ist sehr persönlich und tatsächlich etwas für Hartgesottene, die schon nach einem Song zurück sind im Antony-Universum, oder für den dritten Hördurchgang. Subjektiver Höhepunkt auf „Cut The Wold“ war die wunderbarerweise ins Album aufgenommene Single „I Fell In Love With A Dead Boy“.

Am Ende bleiben zwei Gedanken: der, welche anderen unglaublich schönen Songs man noch gerne in Orchesterversion gehört hätte, dass „Cut The World“ zu kurz ist und am besten gleich eine neue Live-CD mit all dem schändlich missachteten Material dazukommen muss – zum anderen aber der, dass man das ja alles schon als Album-Version besitzt, und dass „Cut The World“ das lang ersehnte (und immer noch erwartete) neue Antony-Album einfach nicht ersetzen kann.

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