Die Goldenen Zitronen – „Flogging A Dead Frog“

Cover des Albums „Flogging A Dead Frog“ von Die Goldenen Zitronen

Die Goldenen Zitronen – „Flogging A Dead Frog“ (Altin Village & Mine)

„Die Goldenen Zitronen, ihres Zeichens ‚linksradikale‘ (Wikipedia) Ausnahmeband und seit 30 Jahren Institution der Kritik an bundesdeutscher wie (punk)rockistischer Authentizitätsideologie“, so steht es etwas umständlich im Waschzettel zu „Flogging A Dead Frog“, dem neuen und neunten Studioalbum der Goldenen Zitronen. Im Geiste der Sex Pistols („Flogging A Dead Horse“) plündern die Zitronen die Resterampe und recyceln alte Songs – auf Englisch oder als Instrumentals.

Aus „Der Investor“ wird „The Investor“, aus „Der Bürgermeister“ wird „The Mayor Of Emerald City“ – ein Stück ohne Worte, so wird noch klarer, dass DAFs „Der Räuber Und Der Prinz“ Patin stand – und aus „Wenn Ich Ein Turnschuh Wär“ wird „If I Were A Sneaker“.

Und das soll interessant sein? Ja. In zweierlei Hinsicht. Einerseits drehen sich die Songs um Themen, die weit über die deutschen Grenzen von Belang sind. „The Investor“ investiert nicht nur im Wedding oder im Frankfurter Bahnhofsviertel in subkulturelles Kapital, das sich in real money konvertieren lässt, sondern auch in Williamsburg oder Brixton. Oder auf St. Pauli: „Gebt den Menschen mehr Zeit / und schenkt ihnen viel mehr Raum! / Ist das schon Promo oder / ist das noch Sankt Pauli?“, heißt es im deutschsprachigen Original von „Kaufleute 2.0.1“ aus dem 2013er Album „Who’s Bad?“.

Wenn Schorsch Kamerun das in seinem ostentativ unperfekten V-Effekt-Englisch vorträgt („And Their Schnaps And Their Tie-Wies“), dann kommen einem grad’ noch mal die Tränen bei dem Gedanken, dass die Gang Of Four den leibhaftigen Herbert Grönemeyer als Gastsänger für ihr letztes Album engagiert hat. Und nicht Kamerun. Als hätten die Grönemeyer-Fans in Scharen die Media-Märkte gestürmt, um sich Gang-Of-Four-CDs zu kaufen.

„Der Bürgermeister der alten Hansestadt auf dem Tocotronic-Konzert“ – ist das nicht der Neffe von Tony Blair, der mit den Gallagher-Brüdern in der Downing Street No. 10 seinen Wahlsieg feiert (Champagner & Koks inklusive)?

Für die Flüchtlingskatastrophen dieser Tage haben die Zitronen schon 2006 die passenden Worte gefunden: „Ja, für eine Fahrt ans Mittelmeer, Mittelmeer, Mittelmeer / gäb’ ich meine letzten Mittel her, Mittel her, Mittel her / und es zieht mich weil ich dringend muss, dringend muss, dringend muss / immer über den Bosporus, Bosporus, Bosporus. / Über euer scheiß Mittelmeer käm ich, wenn ich ein Turnschuh wär. / Oder als Flachbild-Scheiß – ich hätte wenigstens ein’ Preis. / Es gäb’ für uns kein Halten mehr, wir kämen immer nur schneller her. / Ich seh die Waren zieh’n, ohne zu flieh’n gehen sie an Land…“

Da ist es nur logisch, das globale Desaster in der Sprache zu adressieren, die weltweit am meisten verstanden wird. Also nehmen sie den Turnschuh als Sneaker neu auf, komplett mit zeitgemäßem Video. Apropos zeitgemäß, noch mal der Waschzettel: Das Album sei „Ausweis ihrer politischen Ästhetik, deren Zeitbezug sie stets zugleich ‚anachronistisch und zeitgemäß‘ (D. Diederichsen) klingen lässt.“ Das bringt uns zum Andererseits. Dass nämlich für Deutschsprachler bei den englischsprachigen Versionen (und erst recht bei den Instrumentals) die Musik einen höheren Stellenwert bekommt, dass man weniger am Text entlang hört und so kapiert, wie „anachronistisch und zeitgemäß“, wie zwingend dieser Zitronenmix aus Post-Punk, Kraut-Robot und Eisler-Techno ist.

„Flogging A Dead Frog“ funktioniert wie ein gutes Dub-Album: Die Versions stehen für sich gut da, ich fange an, sie mit den den Originalen – von den letzten drei Alben – zu vergleichen und stoße auf mal minimale, mal gravierende Veränderungen, lesbar als Updates, Nachjustierungen, Autokorrekturen. Und bleibe hängen. Gebt den Menschen mehr Zeit! Und schenkt ihnen viel mehr Raum!

Label: Altin Village & Mine

Das könnte Dich auch interessieren:

A. Billi Free – „I Luma“ (Rezension) Was A. Billi Free auf ihrem Debütalbum macht, könnte man bodenständigen Future Soul nennen. In jedem Fall ist „I Luma“ ein Ausbund an Weitblick und überdies Treibstoff für Raumschiffe, findet unser Autor Henning Kasbohm.
Bon Iver – „i,i“ (Rezension) Bon Iver hat überraschend, denn früher als angekündigt, sein neues Album „i,i“ veröffentlicht. Dieses hatte der US-Musiker im Vorfeld als seine vollständigste und erwachsenste Platte bezeichnet. Ob das stimmt, weiß unsere Autorin Kristin Theresa Drechsler.
Pop-Kultur (Ticket-Verlosung) Spartenübergreifend und diskursiv mischt das Pop-Kultur-Festival seit fünf Jahren in der Berliner Festivallandschaft mit. Für die diesjährige Ausgabe vom 21. bis 23. August verlosen wir Tickets.


Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.