Neue Platten: DJ Cam – „Seven“

(Inflamable)

6,0

„I’m calling you“, dröhnendes Rauschen wie aus dem Innern einer Raumstation, „I’m calling you“, zwei Piep-Laute, die man von Intensivstationen aus dem Fernsehen kennt, und schon beginnt sie, die intergalaktische Reise im Downbeat-Raumschiff von DJ Cam.

„Seven“ heißt das siebte Album von DJ Cam alias Laurent Daumail. Seit 1994 produziert er Musik in den Bereichen Trip- und Hip-Hop, Jazz und Downbeat. In den letzten Jahren erfolgte die Umsetzung von DJ Cams Ideen vorwiegend im Kollektiv und mithilfe einer Band. Mit „Seven“ kehrt er zurück in die Rolle des reinen Studioproduzenten: „After […] ‚Soulshine‘ […] and various […] collaborations I wanted to get back to the essentials of being a producer: going into the studio alone, having total freedom, and allowing my inspiration free reign“. Die Platte entsteht innerhalb von zwei Jahren vorwiegend in Los Angeles, wo er mittlerweile lebt. Nur gut 300 Meilen entfernt vom Militärstützpunkt Area 51 in Nevada, von dem Verschwörungstheoretiker behaupten, dort könnten außerirdische Lebensformen existieren. Und wenn das stimmt, hat DJ Cam sie offenbar in sein Studio eingeladen, denn „Seven“ ist geprägt von einer Reihe ulkiger weltfremder Klänge.

„Dreamcatcher“ erinnert mit repetitiv zirkulierenden Synthesizer-Melodien an Michael Rother und Neu! im renovierten 2001er-Outfit. Bis plötzlich ein Disco-Vocal-Sample die angenehm psychedelische Stimmung durchbricht: „I made a promise, I’d sell myself for you“. Und gegen Ende erneut Geräusche, die ohne Probleme eine Mondlandung musikalisch untermalen könnten. „Seven“ ist ein Weltraum-Album. Hinter jeder noch so fernen Weltraumexpedition steckt immer ein Mensch und so zählt auch DJ Cam auf die Unterstützung irdischer Wesen. Im Stück „Love“ singt die Britin Nicolette, die bereits für Massive Attack sang, an anderer Stelle der Stateless-Sänger Chris James. Dessen Bootsy-Collins-Soul-Stimme schimmert in „Ghost“ zu Beats, die vom Londoner Produzenten SBTRKT geliehen sein könnten. Galaktisch dann wieder „1988“ mit der Stimme der französischen Sängerin Inlove, eine Künstlerin, die auf DJ Cams eigenem Label Inflamable veröffentlicht. Vielleicht steckt aber auch Róisín Murphy dahinter, die Stimmen ähneln sich sehr.

„Seven“ wirkt sonnig und entrückt: elektronisch verfeinerte Jazz-Balladen für „spärlich beleuchtete Nachtclubs“ (Klaus Fiehe). Die Rhythmusgruppe spielt angenehm und entspannt. Und bleibt doch zu sehr „90er“. Zu viele Trip-Hop-Elemente, die klingen, als kämen sie direkt aus der Feder von Massive Attack oder Portishead. Keine schlechten, aber längst verbrauchte Elemente. Doch glücklicherweise gelingt der Spagat zwischen Vergangenem und Gegenwart an den meisten Stellen. Es wäre DJ Cam zu wünschen, dass er mit „Seven“ größere Aufmerksamkeit erhält, denn er ist weder in Deutschland, noch in seinem Heimatland Frankreich sonderlich bekannt. „Seven“ ist trotz einiger Schwachpunkte eines der besseren Alben von ihm. Aliens sei Dank.

Heute Abend hört Ihr ab Mitternacht einen DJ-Mix von DJ Cam. Die Zusammenstellung beinhaltet mehrere Tracks des neuen Albums.

[audio:http://www.byte.fm/magazin/audio/02-Swim-Feat-Chris-James-1.mp3|titles= Swim (Feat.Chris James)|artists=[DJ Cam]DJ Cam – Swim (Feat. Chris James) (Download)

Label: Inflamable | Kaufen

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