Neue Platten: Django Django – "Django Django"

Warner(Warner)

9,1

Bereits zu Beginn des Jahres erschien in Großbritannien das Debütalbum der ehemaligen Edinburgher Kunststudenten von Django Django, auf dem sie popmusikalische Stilmittel der 60er-Jahre mit allerhand Einflüssen aus den folgenden Jahrzenten verweben. Die Resonanz der britischen Presse hierauf als positiv zu bezeichnen wäre eine ziemlich starke Untertreibung. Die Briten rasten mal wieder aus.

Das in London lebende Quartett um Drummer und federführende Instanz David Maclean wählt einen interessanten Weg. Ihre Idee, Psychedelic Rock der 60er mit synthetischen Elementen anzureichern, ist keinesfalls neu, sowohl dies- als auch jenseits des Atlantiks. Vor gar nicht mal so langer Zeit führte sie sogar zu einem der überraschendsten Durchbrüche der jüngeren Popgeschichte. Und wer sich fragt, wie genau sich doch gleich noch einmal der Moment anfühlt, in dem MGMTs „Oracular Spectacular“ nach der Hälfte umkippt, der findet hier eine knapp 49 Minuten lange, perfekt ausbalancierte Antwort.

Im letzten Dezember erschien die unglaubliche Vorabsingle „Default“, ein überbordendes, verrückt phrasiertes Rythmuswirrwarr, in dem verspulte Synths und entfremdete, übereinandergeschichtete „Default“-Vocalschnipsel für die Melodieführung zuständig sind. Doch die Band sorgte bereits im Jahr 2009 mit ihrer ersten Single „Storm / Love’s Dart“ – beide Songs finden sich nun, in ebenbürtiger Gesellschaft, übrigens auch auf dem Album – das erste Mal für Aufsehen. Eine Folge: vom Start weg ausverkaufte Konzerte im Heimatland. Schon damals erklärte Maclean, Herr im Studioreich Django Djangos (seinem eigenen Schlafzimmer), in einem Interview die Herangehensweise: „I helped beef out the songs and helped structure them, … then working backwards to give it a PG certificate.“ Reduktion ganz im Stile eines Dub, und bevor er den Songentwürfen der Band beim Erwachsenwerden half, hat er noch an Acid-House-Produktionen gefeilt: „I tried to let the songs dictate. Production wise, definitely I think I’d have more in common with the way Public Enemy produce, or the way that house guys produce than a rock engineer.“ Und genau das ist trotz der enorm vielfältigen Instrumentierung und generellen Bandbreite des Albums auch immer wieder bemerkbar. Ganze Flächenstrukturen in den Songs kommen und gehen, einzelne Elemente verschwinden ersatzlos und machen damit Platz für Neues. Was passiert wann? Wann wird ein Muster aufgebrochen? Wann ein Thema wieder aufgegriffen? Es ist vorstellbar, wie schwer diese Zurückhaltung manchmal gefallen sein muss und wie viel Zeit sie gekostet hat. Perfekt zu hören ist dieses Prinzip in „Firewater“, einem Countryfolk-Stampfer mit Krautrock-Sporen, der ein großartiges Beispiel für einen gut arrangierten Popsong und die daraus folgende Harmonik ist. Manchmal sind es nur Andeutungen, wie die leicht schlotterige Cowbell in „Zumm Zumm“, aus dessen Rhymthmusstruktur sich im Übrigen gut und gerne auch drei Songs herausschälen ließen; manchmal aber auch elementare Bestandteile, wie die Chöre und Synthieflächen im Outro des erstgenannten. In eine ganz andere Richtung zeigt der Kompass im von Spaghettiwestern-Gitarren getriebenen „WOR“, das schon in seiner Breite eher an den Sound zeitgenössischer britischer Bands wie Primal Scream oder Kula Shaker erinnert. Ein Rezept, das schon Kasabian zu beachtlichen Erfolgen führte, hier jedoch nicht annähernd so dreist verfolgt wird.

Die nicht zu überhörende Ähnlichkeit zur stetig gefeierten, 2004 zerbrochenen Beta Band müsse im Blut liegen, meinte Maclean einmal scherzhaft und meinte das wohl wörtlicher als man zunächst denken könnte, ist Beta-Keyboarder John Maclean doch sein Bruder. Tatsächlich liegen die Einflüsse nah beieinander: Der mittlerweile wieder oft anzutreffende mehrstimmige Gesang, die Surfgitarren – die 60er eben. Kennt man schon? Nicht so. Darüber hinaus ist das Album ist ein wahrer Genuss für diejenigen, die Syd Barretts Pink Floyd aus der „The-Piper-At-The-Gates-Of-Dawn“-Ära lieben, wegen der zahlreichen Psychedelic-Verweise, aber auch wegen des ähnlichen, leicht ungeschliffenen Sounds. Und wenn Du denkst, das könnte gut klingen, dann, denke ich, sollte es das auch.

„You’re on the go / You’re always wanna go / You want to go somewhere / Where you don’t know“ – wie die rastlose, von Aktionismus getriebene Person, welche in „Storm“ gezeichnet wird, ist das Album immer wieder in der Lage, einen herauszufordern. Als wäre Maclean der personifizierte und genau richtige Ort für die Ideen der Band; wie die Studiokapelle in Englewood Cliffs, die Rudy Van Gelder Anfang der 60er-Jahre so zahlreichen Jazzgrößen zur Verfügung stellte, die es zu dieser Zeit in die spirituelle Richtung trieb. Der Freiraum, auf den die Ansätze treffen konnten, die Zeit die sich genommen wurde, all dies lässt das Album nach Spielfreude klingen. „A complex sum“ also.

Weil die Schubladen, derer sie sich bedienen, mehr als interessant und keinesfalls ausgenudelt sind. Weil eben nicht bloß die zitierten Elemente, sondern das Songwriting für sich überzeugt. Ja, weil sie es über die gesamte Zeit schaffen, die Spannung hoch zu halten und immer wieder Momente zu erzeugen, die einen dieses Kribbeln in den Fingern spüren lassen, das man in dem Moment fühlt, in dem man die Rückspultaste drücken oder die Nadel zurücksetzen möchte, einfach um das gerade Gehörte nochmals zu hören, verdient der Ansatz, den Django Django auf ihrem ersten Album wählen, jede Aufmerksamkeit.

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