Neue Platten: Father John Misty – "Fear Fun"

Bella Union/Cooperative Music(Bella Union/Cooperative Music)

8,0

„Farewell Fleet Fans and Friends. Back into the gaping maw of obscurity I go.“ So verabschiedete sich Joshua Tillman im Januar von seinem Job als Drummer der Fleet Foxes, um sich als Father John Misty sich selbst zu widmen. Und anstatt ein weiteres J.-Tillman-Soloalbum herauszubringen, das sicherlich schön, aber nicht unbedingt neu geworden wäre, wendet sich Father John tatsächlich den Obskuritäten dieser Welt zu. Genau deshalb ist „Fear Fun“ auch nicht, wie befürchtet, eine billige (und auch keine schöne) Abklatschversion der Musik der Foxes oder Tillmans vorheriger Soloprojekte.

Alle diejenigen, die sich fragen, wer Father John Misty – dieser priesterlich anmutende, bärtige Mann – denn nun ist, haben den Kern des Albums bereits unbewusst erfasst. „Fear Fun“ scheint eher ein Schritt in Richtung einer neuen Identität, eine neue Form des künstlerischen Ausdrucks, als ein weiteres Beschreiten altbekannter Pfade zu sein. „I never liked the name Joshua. I got tired of J.“ So besingt Tillman es selbst, in dem letzten Song seines Albums. Vorher allerdings führt er den Hörer in ein musikalisches Wunderland, das mit den absonderlichsten und absurdesten Traumbildern lockt. Als Father John Misty greift er auf eine völlig neue Bandbreite musikalischer Möglichkeiten zurück, die Songs springen spielend zwischen Genregrenzen hin und her, und das instrumentelle Repertoire reicht von elektrischen Gitarren, über Bläser, Piano und Streicher, bis hin zu fröhlichem Klatschen, Fußstampfen und Pfeifen (und ja, auch die gewohnt gefühlvollen „Ahhs“ und „Ohhs“ finden häufige Verwendung). Zuammengehalten wird dieses Konglomerat verschiedenster Einflüsse von Tillmans unglaublich schöner und reiner Stimme, kein einziger schiefer Ton oder stimmlicher Patzer stört. „Fear Fun“ wirkt durch die schnellen treibenden Tempi und das breite Instrumentspektrum wesentlich kraftvoller und energiegeladener als die Hymnen der Foxes. Was das Album so gut macht, ist das Zusammenspiel aus zynischen und sehr humorvollen Texten und einer ästhetischen und vielseitigen Vertonung.

Sprachlich erinnern Father Johny Mistys Songtext-Gebete an Bob Dylan. Sie sind voll mit künstlerischen und philosophischen Anspielungen, christlichen Symbolen, die in Kombination mit Mistys Fantasien über Sex, Drogen verabreichende Schamanen und andere (eher banale) Dinge zu einem undurchsichtigen Wirrwarr verschmelzen und sich einer einfachen Interpretation entziehen. Was zuerst als oberflächlicher Nonsens auftritt, gewinnt durch die eigene sarkastische Betrachtung bei näherem Hinhören ungeahnte intellektuelle Tiefe und Schönheit, und offenbart die Quellen, aus denen Father John Misty seine Inspiration speist. Schon der Opener „Funtimes In Babylon“, ein wunderbar leichter und trauriger Song, in dem Tillmans Stimme von Chören und Glockengeklimper begleitet wird – der aber fröhlich von „horses knee-deep in mud“ und tanzenden Skeletten handelt. „Nancy From Now On“ führt hingegen in eine Welt voll von biblischen Anspielungen (samt Videoclip, in dem eine als Domina gekleidete Frau Tillmans Bart rasiert), begleitet von fröhlichem Gerassel, Getrommel, „Uhhs“ und treibenden Pianoklängen. Immer jedoch schafft es „Fear Fun“, die vielseitige und oft orchestrale Musikbegleitung so einzusetzen, dass sie unterstreicht, immer steht der Gesang im Vordergrund und trägt den geneigten Hörer durch diese Wunderwelten. Der wohl beste Song des Albums „Hollywood Forever Cemetery Sings“ erinnert dann wirklich in keinster Weise mehr an alles, was man mit den Fleet Foxes verbinden könnte. Lautes Schlagzeug, elektronische Anklänge und starker, ausdrucksvoller Gesang erzählen von der Wut, die wir alle in uns tragen, und die Geschwüre unserer Gesellschaft. In so sarkastischen Worten wie „Jesus Christ, girl, what are people going to think? When I show up to one of several funerals I’ve attended for Grandpa this week!” Häufig geht es in Tillmanns Texten darum, wie die Menschen (ganz besonders in seiner Wahlheimat Los Angeles) vorgeben, etwas zu sein, was sie doch nicht sind. Halluzinogene Drogentrips mischen sich mit existenzialistischen Ideen, und nicht umsonst singt Tillman in „Im Writing A Novel“ von Sartre und Heidegger „drinking poppy tea“, nur um gleich noch Neil Young (an dessen „On The Beach“ das Album sowieso häufig erinnert) und sprechende Hunde in denselben Topf zu werfen. Und das alles durch stampfende Gitarren und Klavier zu ergänzen, und so einen countryesken und tanzbaren Song entstehen zu lassen.

Father John Misty will sich nicht festlegen lassen, weder durch die Grenzen eines Musikstils noch durch Inhalte, und so finden sich neben fröhlichen, leichten Songs immer wieder auch traurige folkige Songs wie „O I Long To Feel Your Arms Around Me“, ebenso aber rockige Americana–Stücke wie „Well, You Can Do It Without Me“. Nicht nur grenzt sich „Fear Fun“ von den Fleet Foxes und Tillmanns bisherigen Soloprojekten ab, auch verweigert es sich der Nachfolge irgendeines bestimmten Interpreten. Wenn Father John singt „Joseph Campbell and The Rolling Stones couldn’t give me a myth / So I had to write my own” oder “I rode to Malibu on a dune buggy with Neil / He said: „You’re gonna have to drive me down on the beach if you ever want to write the real“ / And I said: „I’m sorry, young man, what is your name again?“, so zeigt er damit deutlich, dass er trotz aller musikalischen Ähnlichkeiten etwas ganz Eigenes, Persönliches schaffen will. Und auch wenn „Misty’s Nightmares 1 & 2“ ein bisschen zu banal und langweilig ist, und „Tee Pees 1-12“ so viel Country enthält, dass es leider nur noch nervt, so bleiben diese beiden Songs die Ausnahme in einem sonst sehr spannenden und immer wieder überraschenden Album, das auch nach fünfmaligem Hören noch Spaß macht.

„I can access more truth when I’m bullshitting“, sagt Father John über sich selbst – und ja, „Fear Fun“ ist voller „Bullshit“. Allerdings äußerst amüsanter und schöner Bullshit, verpackt in guter Musik. Und wer genau hinhört, dem wird auffallen, dass das mit der Wahrheit tätsächlich irgendwie geklappt hat.

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