Neue Platten: Fraktus – "Millennium Edition"

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Fraktus? Wer ist eigentlich Fraktus? Diese Frage schwirrt zurzeit bei einigen im Kopf herum. Man kommt an diesem Namen gerade nicht vorbei. Vor allem nicht, wenn man sich durch die Straßen St. Paulis in Hamburg bewegt. Da wurde eine riesige Promomaschinerie in Gang gesetzt damit auch auf jedem Straßenpoller, Zigarettenautomaten oder Elektrokasten mindestens ein Sticker ist. Das Intro hat die drei Herren auf ihrem Cover und Social-Network-Riese Facebook kann ja auch nicht falsch liegen, wenn er sie so fleißig bewirbt. Aber wer sind diese angeblichen Technoerfinder aus den 80ern?

Alles beginnt zu einer Zeit, die in Deutschland dominiert wird von Trio, Falco oder Peter Schilling. 1980 gründen Bernd Wand und Dirk „Dicki“ Schubert die Vorgängerband Freakazzé. Wenig später steigt Produzent Torsten Bage mit ins Freakazzé-Boot und es entsteht das Techno-Mutterschiff Fraktus. Nach anfänglichen Experimenten mit verschiedenen Geräten wie zum Beispiel der Lichtmangel, veröffentlichen sie die Platten „7537=057“ (Auf dem Kopf liest es sich folgendermaßen: „LSD=ESEL“), „Tut Ench Amour“, „Automate“ und die „Affe-sucht-Liebe“-12″. Sie sind den wenigsten bekannt und schon lange vergriffen oder vergessen. Die besten Stücke wurden nun von den Original-Bändern remastert und erscheinen auf der „Millenium Edition“.

Man stelle sich nun vor, es ist Freitagabend. Man sitzt mit Freunden zusammen und wird wahrscheinlich auch die Nacht gemeinsam mit Tanzen verbringen. Schmeißt man also in dieser Runde die „Millennium“-Scheibe ein, wirft man sich anfangs verstörte Blicke zu und wird sich fragen, was das jetzt soll? Der Opener „All die armen Menschen“ kommt mit einer so eingängigen Hookline, dass es schwer wird, diese aus dem Kopf zu bekommen, für den ganzen Abend! Man wird automatisch anfangen, mitzusummen und zu wippen. Falls man der Textfolge diverser Städtenamen nicht folgen kann, ist das auch egal. Es funktioniert mit sämtlichen Städten. „Kleidersammlung“ verfolgt einen ähnlichen Stil: Eine Hookline, die das gesamte Lied hämmert, dazu noch ein wenig 8-Bit-Spielautomatensound, gepaart mit weniger sinnvollen Textzeilen wie: „Arme Leute, wieder Schuhe, wieder Kleidung, wieder Obdach“. Sofern unsere liebe Freitagabendgemeinde noch beim ersten Bier ist, sollte sie etwas nachlegen. Die Platte folgt einer regelrechten Spannungskurve. „Bombenalarm“ geht weiter nach vorne, es ertönt eine Hookline, die dem Telekom-Jingle sehr ähnelt und textlich bleibt man dem Minimalismus (sowohl auf den Sinngehalt als auch die Wortanzahl bezogen) weiter treu. Dies ist auch nicht weiter tragisch, schließlich wollen wir ja heute noch Ausgehen und Spaß haben. Nachdem man sich durch bekannte New-Order-Drums, „Affe Sucht Liebe“, „Supergau“ und weitere Stücke gehört hat, ist man plötzlich beim „Affe-Sucht-Liebe“-Remix von Alex Christensen angekommen. Der katapultiert uns dann vom NDW-Techno zum heutigen Mainstream-Maximal-Elektro in seiner vollen Ausprägung. Nach einem anschließenden weiteren Stück ist Schluss. Drei Bier sollten wir inzwischen getrunken haben, nun sind wir endgültig ausgehfertig und wollen los.

Es ist unglaublich, welcher Aufwand betrieben wurde, um diesen Fake zu inszenieren. Der damalige Auftritt beim Melt!-Festival 2007 war schon etwas verwirrend; morgens um fünf Uhr wartet man auf Deichkind und dann so was. Die Melt!-Bande interessierte das herzlich wenig, man wollte Spaß und Exzess auch in den frühen Morgenstunden, es wurde einfach mitgemacht. Heute wissen wir, was es damit auf sich hatte: ein Projekt, beschert von Studio Braun, bestehend aus Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jacques Palminger. Eine grandios erzeugte Lüge, die uns eine Tour, einen Kinofilm und ein Album schenkt, welches eher in eine Spaß-Technorichtung geht und eventuell etwas für Fans von HGich.T oder Deichkind ist.

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