Neue Platten: Friedman & Liebezeit – "Secret Rhythms 5"

Friedman & Liebezeit - Secret Rhythms 5 (Nonplace)Friedman & Liebezeit – „Secret Rhythms 5“ (Nonplace)

8,0

„Secret Rhythms“, die gemeinsame Veröffentlichungsreihe von Burnt Friedman und dem Ex-Can-Schlagzeuger Jaki Liebezeit, verspricht Geheimnisse. Doch eigentlich spielt das Duo auf seinem fünften Album ganz mit offenen Karten. Es geht ums Trommeln, so schlicht und doch so unglaublich vielfältig.

Friedman & Liebezeit erkunden in dieser Konstellation bereits seit über zwölf Jahren die Möglichkeiten von Rhythmen und Sound jenseits der Konventionen von Jazz oder Pop. Die acht instrumentalen Stücke ihres aktuellen Albums sind wahrscheinlich einfach nach Tempo und Taktart betitelt (z. B. „130-11“, „125-05“ oder „124-09“). So schnörkellos diese Titel scheinen, so exotisch ist doch die Klangwelt. Die Zahlenkombinationen dieser Trackliste legen nahe, dass man einen schnöden 4/4-Marschrhythmus hier vergeblich suchen wird. Stattdessen wird die Musik – sehr ähnlich wie bereits auf den Vorgängeralben – von bewegten Rhythmen und komplexen metrische Strukturen bestimmt. Dem dabei eingesetzten Ethno-Instrumentarium (u. a. Dholak, Kalimba, Steel Pans, Zimbeln, Monochord) kommt neben den vielfältigen Trommel- und Percussion-Klängen die Hauptrolle zu. Klassische Melodieinstrumente wie Bass, Gitarre, Flöte und auch einige Synthesizersounds werden nur sparsam verwendet, und wenn sie auftauchen, dann vor allem, um als repetitive Schleifen die komplexen Beatstrukturen zusammenzuhalten.

Was sich zunächst stark nach verkopfter Frickelmusik für Freaks und Spezialisten anhört, entpuppt sich jedoch recht schnell als das genaue Gegenteil. Friedman & Liebezeit sind zwar ausgewiesene Virtuosen und Kenner ihres Fachs und beschäftigen sich auf ihren Alben seit Jahren intensiv mit den tiefen Mysterien des Trommelns. Der Ausgangspunkt ihrer musikalischen Sprache ist jedoch weder abstrakte Theorie noch technisches Können.

Jaki Liebezeit hat mit seinen 75 Jahren und nicht zuletzt durch seine Zeit mit Can so ziemlich alles drauf, was einen guten Schlagzeuger ausmacht. Fremdartige und sperrige Rhythmen, die bei weniger bewanderten Trommlern wahrscheinlich angestrengt und holprig klingen würden, besitzen bei seiner Spielmethode eine Leichtigkeit und Ruhe, einen natürlichen Fluss, der nur durch ein völliges Verschmelzen des Körpers und seiner Bewegung mit dem Rhythmus entstehen kann.

Das ist wohl auch gemeint, wenn Friedman & Liebezeit im Begleittext des Albums das Zyklische und die Kreisförmigkeit ihrer Musik dem linearen Modell der klassisch-westlichen Musiktheorie gegenüberstellen. Ihr Ansatz geht klar vom Körper aus, von seinem Gedächtnis und einer Vorstellung von universeller Einheit, die zwar gelegentlich in Esoterik und Pseudowissenschaft abzudriften droht, im Rahmen dieser Musik aber absolut Sinn ergibt. Als Gastmusiker erweitern Daniel Dodd-Ellis, Tim Motzer, Daniel Schröter, Joseph Suchy und Hayden Chisholm die klangliche Palette der Tracks und lassen den stärker elektronischen Charakter früherer Platten weiter in den Hintergrund treten. Wie sehr diese Musik lebt, wird auf „Secret Rhythms 5“ besonders an den Stellen deutlich, wo auf der ansonsten klanglich brillanten Aufnahme das Atemgeräusch der Musiker ganz zart hörbar wird und dabei deutlich wird, wie sehr diese Bewegung mit der der Musik korrespondiert. An diesen Stellen wird mindestens ein Geheimnis gelüftet: Man kann diese Musik nicht vom Kopf, sondern nur vom Fühlen her begreifen.

Label: Nonplace | Kaufen

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