Neue Platten: Nick Cave And The Bad Seeds – "Push The Sky Away"

Nick Cave And The Bad Seeds - Push The Sky Away (Bad Seed Ltd.)Nick Cave And The Bad Seeds – „Push The Sky Away“ (Bad Seed Ltd.)

8,0

Die Musik von Nick Cave und den Bad Seeds und den Vorläufern Boys Next Door und The Birthday Party war immer von Exzentrik und starken Brüchen gekennzeichnet. Neben den melancholischen Balladen standen immer Songs mit Garagen-, Punk- und Rock-’n’-Roll-Einschlägen, die diese Brüche ausmachten, sogar auf dem Balladen-Konzept-Album „Murder Ballads“. Selbst „The Boatman’s Call“, das gänzlich aus Pianostücken mit Gesang bestand, markierte einen Bruch, den totalen Bruch mit dem Konzept der Rockmusik an sich.

Mit „Push They Sky Away“ ist nun ein Album ohne Brüche entstanden, ein Album das komplett aus ausgeglichenen, langsamen, meditativen Stücken besteht, die eine Atmosphäre aus Wärme und Introspektion ausstrahlen und deren Songtexte die gewohnt zwiespältigen Cave’schen Szenarien hervorrufen. „Push The Sky Away“ versammelt mehr Charakteristika der Nokturne als das Album „Nocturama“ von 2003, denn es ist von einer so eindringlichen nächtlichen Atmosphäre geprägt, die es wie ein akustisches Sedativum, wie einen Rausch der Ruhe nach dem Exzess wirken lassen.

In der langen Karriere ist es Nick Cave und den Bad Seeds immer wieder gelungen, sich neu zu orientieren und zu wandeln und ihren einzigartigen, unangepassten Charakter trotz Mainstream-Hits und auch nach dem Weggang der Musiker Blixa Bargeld und zuletzt Mick Harvey beizubehalten. Zahlreiche Kollaborationen mit Szenemusikern wie Lydia Lunch oder den Swans, Seitenprojekte wie mit den Flaming Lips, selbst Tracks für TV-Serien wie True Blood und der 2006 geborene Rock-’n’-Roll-Bastard Grinderman beweisen die musikalische Vielfalt ihrer Mitglieder.

Warren Ellis und Nick Cave haben in den letzten Jahren gemeinsam zahlreiche Filmmusiken komponiert. Deren Einfluss scheint auch das 15. Album von Nick Cave And The Bad Seeds aufgesogen zu haben. Die letzte Veröffentlichung „Dig, Lazarus, Dig!!!“ von vor 5 Jahren lebte noch vom Bruch zwischen von Blues, Garage und Rock ’n’ Roll beeinflussten Stücken und den düsteren Balladen. „Push The Sky Away“ trägt die balladeske Atmosphäre eines Soundtracks für die typisch düster-zwiespältigen Geschichten des Songwriting-Talents Nick Cave.

Nick Caves samtene Stimme schmiegt sich auf dem Album durch die wogenden orchestralen Arrangements wie im Opener-Track und gleichzeitig der ersten Single „We No Who U R“. Die schwermütigen Balladen sind warm und betörend wie „Jubilee Street“, der stellenweise düstere Sound z. B. in „We Real Cool“ mit der repetitiven Basslinie kommt ohne jede Exzentrik aus. Geflüsterter Gesang, Spoken Words, bedrohlicher Bass, hypnotische Orgeln, Soloviolinen und Streicherarrangements, mit Hall getränkte Hintergrund-Chöre, Pianopassagen und beruhigende Beats machen das musikalische Konzept des Albums aus.

In Höchstform ist Nick Caves Songwriting-Talent versetzt ihn in die Lage, schaurig-schöne und skurrile Begebenheiten wiederzugeben und so die Melancholie der Musik auch mit Worten zu beschwören. Die Themen sind im bewährten Feld der Bipolarität angesiedelt: Liebe und Mord, Gott und Luzifer, düstere Landschaften, Figuren aus der Popkultur und Fabelwesen, landschaftliche Abgründe und Alpträume. Cave macht kein Geheimnis daraus, nach wie vor an hübschen jungen Frauen interessiert zu sein. Auch spielt Reflexion über das Älterwerden, seine Familie, den Rock ’n’ Roll und das Songwriting an sich eine Rolle, z. B. wenn sich Cave in „Finishing Jubilee Street“ in Spoken Words durch einen eigenen seltsamen Tagtraum sinniert. Die Balladen „Wide Lovely Eyes“ und „Mermaids“ sind gleichzeitig schwermütig und fragil. Im „Higgs Boson Blues“ ist der Höhepunkt der erzählerischen Skurrilität des Albums mit der Zeile „Hannah Montana does the African savanna“ erreicht. Das drohende „Water’s Edge“ scheint wie eine resignierte Retrospektive eines weisen Erzählers: „You grow old and you grow cold / Yes, the will of love / The thrill of love / But the chill of love is coming on“.

Besonders der titelgebende, rauschhafte Schlusstrack mit seinen sakralen Orgeln und warmen Drums schafft eine Atmosphäre einer beruhigenden Hypnose. Das samtige, halb geflüsterte „You gotta keep on pushing“ wird wiederholt wie ein Mantra. Die Schlussfolgerung „Some people say it’s just Rock And Roll / Oh, but it get’s you right down to your soul“ kann gleichzeitig als Albumdefinition gelten: Rock And Roll for the Soul.

Die Bad Seeds haben mit „Push The Sky Away“ ein atmosphärisches Balladenalbum ohne exzentrische Brüche geschaffen, ein auditives Beruhigungsmittel. Caves Songwriting rückt endgültig in die Reihe der großen Songwriter der Musikgeschichte wie Leonard Cohen und Bob Dylan auf. Kein schlechtes vorläufiges Resümee einer 40-jährigen Musikkarriere.

Label: Bad Seed Ltd. | Kaufen

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