Neue Platten: Owen – "L’Ami Du Peuple"

Owen - L’Ami Du Peuple (Polyvinyl)Owen – „L’Ami Du Peuple“ (Polyvinyl)

8,0

Mike Kinsella ist aus der Musikszene in Chicago nicht mehr wegzudenken. Als er Ende der 80er mit seinem Bruder Tim die Band Cap’n Jazz gründete, hatte er gerade die Hälfte seiner Schulzeit hinter sich. Seitdem haben die Brüder viele verschiedene Projekte auf den Weg gebracht. Ursprünglich ging das in Richtung Indie- und Emo-Rock, mit den Jahren entdeckte Mike Kinsella allerdings auch Folk und Akustikpop für sich. Das beste Beispiel dafür: Owen, sein Soloprojekt. Hier konzentriert er sich seit 12 Jahren vor allem auf den Einsatz von seiner Stimme und Akustikgitarren. Und dieses Doppel geht runter wie Öl.

Mit „L’Ami Du Peuple“, dem siebten Album von Owen, ist das nicht anders. Kinsella macht Musik, die den Eindruck vermittelt, dass sie ausschließlich darauf aus ist, den Zuhörern gutzutun. Seine dezenten Gitarren-Parts erinnern an Nick Drake, seine Stimme gleitet leicht und bestimmt darüber – dem bezaubernden Folk-Pop von Seabear oder Bowerbirds nicht unähnlich. Was bei diesen Bands drei bis sieben Köpfe fabrizieren, stemmt Mike Kinsella bei Owen allein. Für die Aufnahmen zu „L’Ami Du Peuple“ ist er das erste Mal aus dem Schlafzimmer in ein richtiges Tonstudio gewechselt und stimmt, wie auch schon beim Vorgänger „Ghost Town“, einige laute Töne an.

Das zeigt sich zum Beispiel beim Song „Bad Blood“: E-Gitarren lassen hier unruhige Momente aufblitzen, die am Ende in ein starkes Crescendo münden. „Blues To Black“ wiederum explodiert schon zu Beginn nach einem kurzen unschuldigen Intro. Auch ein bald einsetzendes Glockenspiel nimmt dem Lied nichts an Kraft. Die resolute Stimme Kinsellas tut ihr Übriges. In dieser oder vielmehr in den Worten, die sie singt, liegt die Stärke von „L’Ami Du Peuple“. Mike Kinsella hat ein Talent dafür, Ärger, Verlust und Wut in wenigen Zeilen auszudrücken und dabei nicht auf der Oberfläche zu bleiben. Wenn man nicht genau zuhört, kann man das Drama, das sich mitunter in den Texten von Owen abspielt, kaum erahnen.

So ist es bei „Where Do I Begin?“: Ein Ragtime-Klavier spielt vergnügt aus einem Hinterzimmer, eine Melodie, die nach Reisen klingt, legt sich darüber. Das Lied ruft Fernweh und Wanderlust hervor und dabei sinnt die Stimme Kinsella darüber, ob die alltäglchen Plagen und Probleme weniger wären, würde man in einer anderen Zeit leben. Auch in „Who Cares?“ werden die charmanten Tonfolgen von Klavier und Streichern von Zeilen wie „Who cares? / My house is on fire / Loved ones gone missing / And you need help getting out of bed“ gepiesackt.

Wenngleich das Album mit jedem Lied etwas an Schwermut gewinnt, ganz düster endet es nicht. „Where Do I Begin?“ geht melodisch direkt in „Vivid Dreams“, das letzte Stück auf dem Album, über. Auch hier versprühen die Worte keine Freude. Gitarre und Klavier gewinnen jedoch an Leichtigkeit und verlieren sich in einem bittersüßen Zusammenspiel. Die Melodien, die Kinsella für „L’Ami Du Peuple“ erdacht hat, sind so bezaubernd, wie man es von Owen gewohnt ist. Dank dem Studio-Wechsel und der Zusammenarbeit mit Produzent Neil Strauch, der bereits an Alben von Bonnie ‚Prince‘ Billy und Iron And Wine beteiligt war, hat das übliche Owen-Instrumentarium viele Zwischentöne erhalten. „L’Ami Du Peuple“ ist somit das bisher heterogenste Werk von Owen – manchmal rau und direkt, im Großen und Ganzen aber Balsam für Ohren und Seele.

Label: Polyvinyl | Kaufen

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