Neue Platten: Purity Ring – "Shrines"

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6,0

Eine gemalte Lunge. Darunter schlängeln sich drei Hände, die aus dem tiefschwarzen Nichts kommen. Und schließlich ist dort ein Mädchen abgebildet, mit rötlichem Haar, rosanen Wangen, verträumt an ein Schäfchen gekuschelt. Das Albumcover von Purity Rings Debütscheibe hat etwas von einem Bilderbuch. Fast so gemalt wie das Märchen von „Peterchens Mondfahrt“ – eine Traumreise, in der ein Geschwisterpaar mit einem fünfbeinigen Maikäfer durch die Nacht fliegt, um sein sechstes Bein zu suchen, währenddessen Naturgeister trifft und auf der Milchstraße landet, die tatsächlich auch aus Milch besteht.

Auf Abenteuerreisen begeben sich auch Purity Ring mit ihrem ersten Album „Shrines“. Das Duo aus Edmonton, Kanada, wurde 2010 von Megan James und Corin Roddick gegründet. Beide waren schon lange vor der Bandgründung musikalisch tätig: James als Sängerin und Pianistin, Roddick als Schlagzeuger in der Indie-Rock-Band Gobble Gobble. Für Purity Ring tauschten sie ihre Instrumente gegen Elektro-Beats und vielfältige Stimmeffekte.

Mittlerweile lebt das Duo in unterschiedlichen Städten Kanadas – Roddick in Montreal und James in Halifax. Die Songs auf „Shrines“ enstehen daher auf Entfernung: Roddick bastelt an den dahineilenden Sounds, die er dann wiederum ausbremst und sie mit Hall und Rauschen versieht. Diese Klangerüste schickt er dann an James, die ihren Gesang hinzufügt. Durch Roddicks perfektionistischen Anspruch hat sich die Arbeit an ihren Songs so über mehrere Tage, sogar Monate hingezogen. Das Stück „Ungirthed“, mit dem das Duo bekannt geworden ist, war ein Akt von drei Monaten – und ein kleiner Hit.

„Shrines“ soll jetzt das Ergebnis dieser mühsamen und langwierigen Arbeit sein, das seine Hörer fesselt und mit auf Abenteuerreisen nimmt. R ’n‘ B und HipHop werden auf Purity Rings Debüt neu definiert: Die R-’n‘-B-Beats schleichen sich in unheimlicher Atmosphäre rhythmisch durch alle elf Songs. Synthesizer blitzen auf, James‘ Stimme geistert durch elektronische Klangschichten, bezaubert und verhext zugleich. Ein bisschen wie in „Peterchens Mondfahrt“ hört man den Wind blasen, Eis klirren, die Naturfee flüstern und Herrn Sumsemann – den Maikäfer – traurig seufzen. Ihm fehlt ja auch das sechste Bein.

Mit nur fünf Beinen krabbeln die Tracks auf „Shrines“ ins Ohr – allerdings nicht annähernd so effektiv als mit dem fehlenden sechsten Bein. Songs wie „Ungirthed“, „Cartographist“ oder „Belispeak“ klingen anfangs zwar ungewöhnlich und interessant, aber eingebettet in den Rest des Albums wirkt ein Titel wie der Abklatsch eines anderen: repetitiv, einlullend, geisterhaft, aber nicht mehr erschreckend. Sollten uns Purity Ring mit „Shrines“, den Heiligenschreinen, beeindrucken und spuken wollen, wie Burial mit „Ghost Hardware“ oder Grimes mit „Visions“, dann gelingt ihnen das leider nicht ganz so gut. Wo bleibt die Mondkanone, mit der wir auf den Mond geschossen werden? Wo sind die Höhen und Tiefen des Abenteuers? Und wo finden wir das sechste Bein? „Shrines“ ist ein guter Versuch, lässt uns aber jetzt schon gespannt auf ein besseres Nachfolgealbum hoffen.

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