Neue Platten: Raffertie – "Sleep Of Reason"

Raffertie - Sleep Of Reason (Ninja Tune)Raffertie – „Sleep Of Reason“ (Ninja Tune)

8,5

Es gibt Musikerinnen und Musiker, die ihre ersten Alben aufnehmen und auf Tour gehen, ehe sie überhaupt die Volljährigkeit erreicht haben, und es gibt solche, die für ein paar Jahre im Hintergrund die Fäden ziehen und die Musikwelt dann mit einem durchdachten Debüt überraschen. Zu denen gehört Raffertie. Er hat sich in den letzten Jahren mit Remixen für Wild Beasts, Franz Ferdinand und AlunaGeorge einen Namen gemacht. Nach seinem Studium der Komposition klassischer und zeitgenössischer Musik hat Raffertie das Label Super Recordings gegründet. Und jetzt folgt sein Debüt „Sleep Of Reason“.

Zuvor hatte Raffertie drei EPs auf dem renommierten UK-Label Ninja Tune veröffentlicht, die einen guten Vorgeschmack auf „Sleep Of Reason“ geben. Mit diesen bewies er bereits sein Talent für gerissene Patchwork-Tracks, die trotz aller Frickeligkeit gut ins Ohr gehen. Grund dafür, dass die Stücke so wohlbekömmlich sind, ist seine Stimme, mit der er sich gut in die Reihe derjenigen jungen Typen fügt, die gleichermaßen eine Liebe für R’n’B, Dubstep und technoide Musik pflegen. Mount Kimbie und James Blake lassen grüßen.

Dass Raffertie seine Musiklaufbahn in Dubstep-Gefilden begonnen hat, klingt auf „Sleep Of Reason“ auch durch. Seine Beats sind oft verzerrt, überschlagen sich, brechen kurz ab und halten dennoch ganze Tracks zusammen. Auf dem Album knarzt, fiept und raschelt es in einer Tour. Wäre da nicht Rafferties geschmeidige Stimme, könnte man sich „Gagging Order“ auch wunderbar auf Kid A vorstellen. Elektronisches Grillenzirpen trifft auf eine Klaviermelodie, nach und nach steigert sich das Stück zu einer Symphonie aus Off-Beats und Endzeitklängen. Ähnlich gut für einen Science-Fiction-Soundtrack geeignet klingt „Last Train Home“ – eine erschöpfte Stimme und Blubber-Sounds schaffen eine unruhige Atmosphäre. Und der Opener „Undertow“ erinnert an die vertrackten Kompositionen von Xiu Xiu. Unscharfe Geräusche schrauben sich hier zu warnenden Stimmen hoch, unterlegt werden sie von einem treibenden Beat.

Das Gegengewicht auf „Sleep Of Reason“ bilden die Stücke, die die Hörer einlullen. Zum Beispiel „Rain“, das von einige E-Gitarre-Tönen getragen wird, über die Raffertie mit sich im Duett drüber singt. Das erinnert schwer an The xx, ist aber weniger harmlos. Auch „Build Me Up“ folgt diesen Spuren. Organischer wird es in der zweiten Hälfte des Albums: „Known“ und „Window Out“ wirken weniger durchgetaktet und warten mit – so scheint es – Found Sounds auf. Das Knistern einer Schallplatte, das Prasseln von Regen und entfernte Kirchenglocken geben den Ton an.

„Ich wollte ein Album machen, in das sich die Hörer einfühlen können, mit dem sie sich nicht allein fühlen.“, sagt Raffertie über sein Debüt. Den Anspruch hat er mit „Sleep Of Reason“ zu mindestens 50 Prozent erfüllt. Gebrochene Beats und Irrlichter-Sounds hier und da sorgen dafür, dass nicht durchgängig eine gemütliche Atmosphäre herrscht. Im Großen und Ganzen ist der Gespenster-R’n’B von Raffertie allerdings eine sehr angenehme Sache und seine Stimme, die die Paralleluniversum-Ausgabe von Justin Timberlakes Organ sein könnte, macht Lust auf die nächste Veröffentlichung. Vielleicht sogar mit mehr Pop-Appeal.

Label: Ninja Tune | Kaufen

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