Neue Platten: Saroos – "Return"

Saroos - Return (Alien Transistor)Saroos – „Return“ (Alien Transistor)

8,6

Wäre der Begriff „Supergroup“ nicht so abgenudelt und in der Indie-Nische, in der sich Saroos bewegen, zudem etwas überzogen, würde man das Trio aus München und Berlin gerne so bezeichnen. Alle drei Bandmitglieder sind seit Ende der 90er-Jahre in maßgebender Weise in der deutschen Musikszene aktiv: Schlagzeuger Christoph Brandner (u. a. Console, Tied & Tickled Trio) kennt Soundtüftler Florian Zimmer (Fred Is Dead, Iso 68) aus deren gemeinsamen Zeit bei Lali Puna, Zimmer spielte wiederum bereits Mitte der Nullerjahre mit dem Berliner Max Punktezahl (sonst bei Contriva, The Notwist) in der großartigen Band Jersey.

So weit verzweigt wie dieses Beziehungsgeflecht zwischen Weilheim, München und Berlin, so vielfältig sind auch die Einflüsse, die auf den zwei bisherigen Alben der Band zusammenkommen. Saroos machen – von wenigen Ausnahmen wie dem Gastauftritt von Anticons Rapper Alias auf dem 2006er Debütalbum mal abgesehen – reine Instrumentalmusik, in der sie mühelos Electronica, Dub-Elemente, akustische Instrumentalklänge, Breakbeats, Kraut- und Postrock miteinander verbinden. Dazu kommt ein tiefgehendes Wissen für musikalische Exotica (der Bandname findet sich wahrscheinlich nicht rein zufällig bereits auf Joe Meeks posthum veröffentlichtem 60er-Jahre-Klassiker „I Hear A New World“), die ausgewiesene Faszination für atmosphärische Sounds, Effektgenudel, technische Rafinessen und ein Schlagzeug- und Bass-Fundament, das gerne auch mal in der Magengegend rumpelt und nach tief sitzenden Hosen klingen darf.

Das neue Album „Return“ ist ganz klar das bisher beste Album der Band geworden. Das liegt vor allem an der hörbaren Gelöstheit und Freiheit, mit der Saroos inzwischen mit ihrem Material umgehen. Während man den ersten beiden Platten die Patchwork-Methode in Form von Studio-Bastelei teilweise noch anhörte, klingen die zehn Tracks auf „Return“ wie aus einem Guß. Die zunehmende Live-Erfahrung mag dabei ebenso eine Rolle gespielt haben, wie die diversen Studiogästen, die bei der Aufnahme für noch mehr organischen Touch im Maschinenpark sorgten.

Der Opener „Henderson Island“ federt daher gleich locker los. Ein fetter Synthiebass und das druckvolle HipHop-Schlagzeug erden den Track, der gleichzeitig mit melancholischer Melodica-Stimme, filigraner Gitarrenarbeit, rhythmischen Verschiebungen und diversen locker eingestreute Samples den Kopf in den Wolken trägt. Während weitere Hauptstücke wie „Tsalal Nights“ oder „Seadance“ mit klarem Rhythmusgerüst trotz eines dichten Klanggewimmels im Unterholz einen deutlich wiedererkennbaren Charakter besitzen, sorgen kürzere, meist knapp zweiminütige Zwischenstücke wie „Willow“ oder „Rhoda“ mit experimentellen Geräuschen und einem rhythmisch lockereren Aufbau für noch mehr schräge Soundtrack-Atmosphäre.

„Return“ besitzt so – auch wenn Saroos auf Gesang verzichten – stark erzählerische Momente, die nicht nur auf die Wahl der Songtitel beschränkt sind. Der Hang zum Fantastischen, zu Science-Fiction-Motiven und imaginären Südseeinseln zieht sich wie ein roter Faden durch das Album: „Ein Methan-Ozean auf dem Saturn-Mond Titan („Kraken Mare“), ein arktisches Inselreich bei Edgar Allan Poe („Tsalal Nights“) oder ein Südsee-Atoll („Henderson Island“) liefern die Kulisse für eine Musik, die parallel dazu mit träumerischen Harfen, Slide-Gitarren, wehmütigen Theremin-Synths, dunklen Orgelteppichen und haufenweise Dub-Effekten die Sehnsucht nach Geheimnis, Abenteuer und Exotik thematisiert. Schön nachzuvollziehen ist das in dem gespenstischen Video zu „Spiaggia Di Pluto“ (siehe unten), in dem Anton Kaun die geheimnisvolle Stimmung des Stücks in verwaschenen, halluzinierenden Bildern einfängt. Den letzten Schliff bekam die gleichzeitig detailreiche sowie homogene Soundästhetik vom ebenfalls in Berlin lebenden Soundtüftler Tadklimp, sonst Mitglied der Band Fenster. Saroos ist so mit „Return“ ein echtes Bilderbuch-Album gelungen. Ein Fest für nerdige Soundfreaks, ein Abenteuerspielplatz für die psychedelische Jugendgruppe und ein echter Trip für Dub-Mystiker und verträumte Fantasten.

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