Neue Platten: Scott Matthew – „This Here Defeat“

Cover des Albums This Here Defeat von Scott MatthewScott Matthew – „This Here Defeat“ (Glitterhouse)

8,5

Der Songwriter an sich hat ja erst mal nicht viel mit Demokratie am Hut. Er herrscht als Autokrat über sein Instrumentarium, was da sei: in guten Fällen eine unverwechselbare Stimme, ein Händchen für illustrative Akkord-Folgen und ein Gespür für die Verkopplung von beidem. Häufig agiert alles, was Nicht-Stimme ist, als Handlanger; als akustischer Zubringer zur Stimme des Autokraten. So sieht man häufig drei bis acht Akkorde um ihr Herrchen herumtollen, das währenddessen ergreifende Geschichten über Liebe und Hass deklamiert.

Gut, wir leben im Jahr 2015 und oben stehende Definition mag vielleicht veraltet und überspitzt klingen. Aber wenn ein Scott Matthew mit „This Here Defeat“ so ein Album heraushaut, purzeln viele seiner Genrekollegen unvermeidlich wieder zurück, hinein in die Autokratiefalle.

Scott Matthews neues Album (es ist sein fünftes in acht Jahren, die Cover-Sammlung „Unlearned“ mit eingerechnet) ist Demokratie. Matthew hat unzweifelhaft eine besondere Stimme, aber er entschließt sich gegen die Allmachtstellung seines Organs. So seltsam es klingen mag, aber diese vielfach glorifizierte Stimme schwimmt gleichberechtigt neben der gewaltigen Instrumentation, die von einem John Parish zu seinen besten Zeiten stammen könnte. Die omnipräsenten Streicher, Garanten für einen häufig zu schmalen Grat zum Kitsch, sind so selbstverständlich gesetzt, als ob sie seit 1965 Teil einer klassischen Band-Besetzung wären. Es gibt Mini-Gitarrensoli, versteckt zwischen kontrapunktischen Läufen auf Akustik-Gitarren, Bass, Rhodes-Piano und etwas, das verdächtig nach einer Harfe klingt. Es gibt unzählbare herzzerreißende Zweistimmigkeiten: Mal begleitet Matthew das Cello, mal das Cello ihn. Mal auch nur ein Cello ein Cello. Es gibt auf „This Here Defeat“ von Anfang an eine solche Vielfalt an Musikalität, die weit über Matthews Stimme hinausreicht, dass sich eine unglaubliche Sympathie gegenüber Scotty beim Hören breitmacht. Junge, du kannst echt mehr als singen und ausschauen wie Jesus. Verdammt viel mehr. Danke, dass du dich nicht darauf ausruhst.

Überhaupt, der Anfang. Der Anfang der Platte hat mit „Effigy“, „Skyline“ und „Constant“ wohl eines der stärksten Opener-Trios des noch jungen Jahres. „Effigy“ sagt mit seinem 30-sekündigen Cello-Intro erst mal „Gute Nacht“, bevor Matthew zur sanften Gitarre seine Geschichte zu erzählen beginnt und ziemlich verzweifelt und konsterniert nachfragt: „Is there a place for us?“.

Klar, dass es nicht bei Gitarre und Cello bleibt, genauso wie im göttlichen „Skyline“, das auf Grundlage der bittersüßen Schönheit des Openers immer weiter gen Himmel strebt. Und sogar groovt. Ja, es groovt. Der Fullstop „Constant“ verlangsamt dann das sowieso schon sehr langsame Tempo mit einem zittrig flüsternden Gitarrenpicking und einem in Traurigkeit erhabenen Scott Matthew auf eine BPM-Zahl um die 25. Nur diese drei Songs wären wohl die EP des Jahres geworden. Allerdings hängt manchen der Kompositionen bei aller strahlenden Schönheit doch manchmal etwas zu Gesetztes, Bekanntes an. Wohlgemerkt, den Kompositionen – nicht der Instrumentation. Hier schaukelt ein bisschen zu viel Wohlfühlzone um eine sonst hervorragende Platte außenrum. (Skurriles Detail am Rande: „Bittersweet“ teilt sich Harmonien und Melodien auf fast unheimliche Weise mit „Dorffest“ vom wunderlichen Weirdo Der Nino aus Wien.)

Schön, wenn mit Scott Matthew ausgerechnet ein Singer-Songwriter, ein potenzielles Mitglied der „Ich-und-meine-Gitarre-wahlweise-Piano“-Spezies erkannt hat, dass Komposition und Gesang wichtig sind – aber nicht der Weisheit letzter Schluss sein müssen. Matthew macht alles richtig, um dem vielleicht ungenauesten und überstrapaziertesten Musik-Genre überhaupt einen ziemlichen Batzen an Integrität und Daseinsberechtigung zu erhalten.

Klar, erhalt’ das Piano und erhalt’ die Gitarre – aber Gott weiß, erhalt’ bitte diesen Scott in dieser Form.

Label: Glitterhouse
Kaufen: artistxite-Shop

Scott Matthew auf Tour, präsentiert von BytFM:

04.04.15 Nürnberg – K4
05.04.15 Leipzig – UT Connewitz
06.04.15 Potsdam – Waschhaus
07.04.15 Dresden – Schauburg
08.04.15 Stuttgart – Schocken (verlegt vom LKA-Longhorn)
09.04.15 Frankfurt am Main – Mousonturm
10.04.15 Hamburg – Mojo Club
11.04.15 Husum – Husum Harbour Festival @ Speicher
12.04.15 Münster – Gleis 22
21.04.15 Köln – Kulturkirche
23.04.15 München – Muffathalle
24.04.15 Heidelberg – Karlstorbahnhof
25.04.15 Zürich (CH) – Bogen F
28.04.15 Graz (A) – PPC
29.04.15 Salzburg (A) – ARGEkultur
30.04.15 Linz (A) – Posthof
01.05.15 Krems (A) – Donaufestival
02.05.15 Innsbruck (A) – Weekender

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