Neue Platten: Scott Walker + Sunn O))) – „Soused“

Cover des Albums Soused von Scott Walker + Sunn O)))Scott Walker + Sunn O))) – „Soused“ (4AD)

7,4

Ein zähflüssiger Drone, ein weit entferntes Pfeifen, das klingt wie ein verfremdeter Schmerzschrei, der von scheinbar zufällig hereinpreschenden Metallschlägen beantwortet wird. Das ist der Sound, den man von Sunn O))), dem US-amerikanischen Drone-Metal-Duo, gewohnt ist. Wäre da nicht plötzlich diese beißende Tenorstimme, die so aufdringlich ist wie Fernsehwerbung während eines Spielfilms – und dabei auch noch kryptische Textzeilen singt wie: „A beating would do me a world of good“. Doch ich will hier nichts überstürzen. Die Stimme gehört zu Scott Walker, einem englischen Sänger, der niemand Geringeres als David Bowie zu seinen treuesten Fans zählen kann. Der heute 71-Jährige wurde in den 1960er-Jahren mit der Band Walker Brothers weltberühmt, bevor er sich nach der Auflösung für eine Solokarriere als Chansonnier entschied – und dann so unterschiedliche Musiker wie Damon Albarn, Jarvis Cocker oder The Last Shadow Puppets beeinflusste.

Dass die oft in Mönchskutten gekleideten Sunn O))) den Sänger nun für ihr neues Album „Soused“ engagiert haben, wirkt nur auf den ersten Blick unpassend für die Musik des enigmatischen Duos, das in ästhetischer Hinsicht irgendwo zwischen Black Metal, soundgewordenem Gottesdienst und den avantgardistischen Klangexperimenten von Neuer Musik angesiedelt ist. Denn Sunn O))) orientieren sich mit ihrer vor allem auf Körperlichkeit abzielenden Musik seit jeher an avantgardistischen Ideen.

Und Avantgarde bedeutet immer auch, Konventionen zu zerstören und Gewohnheiten zu unterlaufen. Die Musik aus organisiertem Dröhnen und dem von Gregorianik und Opern beeinflussten Gesang erfordert eine gewisse Zeit, bis sie ihre eindringliche Atmosphäre entfaltet. Musikalisch bleibt sich das Duo bis auf einige neue Referenzen wie etwa die hohen Glissandi-Töne des polnischen Komponisten György Ligeti weitgehend treu. Keiner der fünf Songs ist kürzer als acht Minuten, ein bedrohliches Hintergrundrauschen ist allgegenwärtig und die verzerrt-atonalen Akkorde werden bis aufs Äußerste gedehnt.

Während sich die helle Stimme wie ein dauerhafter Kontrapunkt durch die reduzierten wie düsteren Klanglandschaften zieht, passt die Thematik der Texte schon wesentlich besser zur mythisch aufgeladenen Musik. Denn die oft sehr bildhafte Sprache Walkers erinnert nicht nur thematisch, sondern auch metrisch an die düstere Lyrik von Poeten wie T. S. Eliot. Der Song „Herod 2014“ etwa ist eine musikalische Interpretation des Massakers, das König Herodes der Bibel zufolge einst in Bethlehem verübte.

Das lässt sich einerseits als Flucht in vergangene Zeiten lesen, aber auch als Brücke in die Gegenwart. Denn die biblische Interpretation eignet sich perfekt als kritischer Kommentar auf die barbarischen Verhältnisse unserer Gegenwart.

„Soused“ ist eine Herausforderung, aber eine, die sich lohnt. Denn das Album setzt vor allem kathartische Kräfte frei, indem es vergessene Dämonen der Menschheitsgeschichte mit denen der leider realen Gegenwart koppelt. Zeitgemäßer könnte Musik nicht sein.

Label: 4AD
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