Neue Platten: Sin Fang – "Half Dreams"

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8,1

Sin Fang ist das Synonym des isländischen Künstlers Sindri Már Sigfússon. Die flächenmäßig nicht sehr ausgeprägte und auch recht dünn besiedelte Insel im Norden Europas bringt ja immer wieder unverhältnismäßig viel gute Musik in den Strom und auf den Tonträger. Mit dem Phänomen dieses Landes, dessen Einwohnerzahl im Vergleich irgendwo zwischen der von Mannheim und Bielefeld liegt, haben sich in letzter Zeit bereits Einige beschäftigt – auch auf ByteFM, wo Ihr einen Container über die musikalische Landschaft Islands hören konntet.

In dieser besonderen Musiklandschaft fallen einige Namen immer wieder. Unter anderem Múm oder der von Sigur Rós, die dieser Tage ihr sechstes Album veröffentlichen und sich seit Ende der 90er mit ihrem cineastischen Dream Folk Erfolge in Europa und Asien erspielen. Ein weiterer Name ist der von Hildur Guðnadóttir, einer Cellistin, die unterschiedliche Bandprojekte unterstützt. Doch auch Sin Fang zieht Fäden und Melodien an verschiedenen Orten der isländischen Musikszene und kann zu den bekannteren isländischen Musikern gezählt werden. Ein kleiner Pool, besonders dieser jüngeren isländischen Musik-Generation, findet sich auf dem Berliner Label Morr Music, auf dem auch Sin Fang veröffentlicht.

Anfang des jungen Jahrtausends gründete Sindri Már Sigfússon sein Bandprojekt Seabear, das zuerst als Soloprojekt gedacht war, in dem jetzt aber auch seine aktuelle Tourbegleiterin Sóley sowie zahlreiche weitere Künstler mitspielen. 2008 begann Sindri dann tatsächlich, relativ alleine als Sin Fang Bous zu arbeiten. In diesen Zeitraum fällt auch die Veröffentlichung seines ersten, großartigen Soloalbums „Clangour“. Nur kurze Zeit später verlor Sindri das Bous in seinem Namen und macht seitdem als Sin Fang weiter Musik. Diese unterscheidet sich vom indiefolkigen Seabear-Sound besonders durch die experimentelleren Spielarten und den elektronisch-atmosphärischen Einschlag. Das letzte Album „Summer Echoes“ – nicht ganz so toll wie „Clangour“, aber mit einigen herausragenden Songs wie „Because Of The Blood“ bestückt – fiel in den Frühling 2011, was Sindri nicht davon abhielt, jetzt schon wieder eine EP nachzulegen. Alle diese Veröffentlichungen warten übrigens mit wunderbaren Albumcovern und liebevoll gemachten Videos auf, in denen sich der Produzent verschiedene Dinge als Bärte anklebt, oder wie bei der aktuellen EP … Ach, seht selbst (am Ende der Rezension).

Die Musik von Sin Fang ist also geprägt vom typischen Klang des „Icelandic Folk“, geht in Richtung indierockig gehaltenen Chamber Pops mit einigen undefinierbaren elektronischen Einflüssen. Dabei gelingt es Sin Fang, mit seinen Ideen unglaublich begeisternd und vor allem zurückhaltend ekstatisch zu klingen. Dies schafft er durch die Vielzahl an elektronischen Geräuschen (siehe auch frühere Produktionen wie „Advent In Ives Garden“), seine mit Hall belegte atmosphärische Stimme und das absolut faszinierende Songwriting.

So klingt auch sein 2012er Ergebnis „Half Dreams“. Der ausführliche Blick auf Sin Fangs Kontext und seine früheren Veröffentlichungen hilft, die neue EP zu beschreiben. Sie passt nämlich schön in sein Werk, verkürzt die Wartezeit auf den nächsten Longplayer und kann uns diesen beginnenden Sommer traumhaft untermalen. Die fünf Songs beginnen mit dem Höhepunkt der Platte und gleichzeitigen Single-Auskopplung „Only Eyes“ – stimmhaft variabel, atmosphärisch und ohrwurmig. Ähnlich geht es dann auch weiter, allgemein weniger ekstatisch und weniger elektronisch als gewohnt, sondern fast etwas sehr gut gelaunt poppig-folkig, zwischendurch psychedelische 60er-Jahre-Musik anhauchend. „Strange House“ sei hier als weiterer interessanter Anspieltipp erwähnt, da dieser Song – wie viele von Sin Fang – nach längerer Spieldauer immer noch mit melodischen, gesanglichen Veränderungen und Pausen aufwartet.

Schließlich bleibt nur das unbefriedigende Gefühl einer EP, dass das Ganze doch irgendwie ziemlich kurz war und man automatisch leicht enttäuscht auf „Replay“ drückt. Und so viel Vielseitigkeit wie in den 12-Song-langen-LPs schafft Sin Fang dann auf „Half Dreams“ auch nicht. Trotzdem wird weiter gewartet – und erwartet, dass von diesem Isländer, genau wie von seinen Kollegen, noch viel kommen wird. Vielleicht ja auch mal eine Antwort, warum Bielefeld nicht mit so viel guter Musik aufwarten kann wie die 318.000 Einwohner Islands.

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