Neue Platten: Wild Nothing – "Nocturne"

(Bella Union/Cooperative Music)(Bella Union/Cooperative Music)

7,0

Die Traumkünstler von Wild Nothing haben auf ihrem neuen Album „Nocturne“ aus wabernden Synthies, verhalltem Gesang und ineinanderfließenden Soundstrukturen einen Klangteppich gewebt, der den Zuhörer in fremde Welten und nebelverhangene Märchenwälder trägt.

In meiner Wohngemeinschaft gibt es eine Anekdote über Wild Nothing, die unbestritten die WG-Lieblingsband der frühesten Stunde sind. Alles begann, als die Herren sich, noch beinahe unbekannt und vom Erfolg der eigenen Musik selbst völlig überrascht, im Rahmen ihrer allerersten Tour nach Frankfurt begaben. Von einem einzigen auf YouTube aufgeschnappten Song schon fast restlos überzeugt, sind wir in den vielleicht kleinsten Club der Stadt gepilgert, um uns in den Synthie-Schwaden und verhallten Geister-Gesängen des wilden Nichts zu suhlen. Der Frankfurter Ponyhof hat zwar Schuhschachtel-Größe, war aber trotzdem recht leer – was für alle Anwesenden ein Glücksfall und für alle Nichtanwesenden bloßes Pech war. Nach dem wunderschönen, intimen Konzert waren wir quasi verfallen, das hart verdiente, gesammelte Geld wurde in eine Schallplatte der Band investiert, und dann beim Aufbruch im Rahmen eines äußerst riskanten Ablenkungsmanövers und unter manischem Gelächter ein Band-Tourplakat entwendet – das seitdem unseren Flur ziert und weder von Umräumungen noch von anderen hochkarätigen Künstlern verdrängt werden konnte.

Die große Liebe zu den schwer fassbaren, schwebenden Klangwellen, aus denen Wild Nothing ihre Songs zusammenbasteln, ist seitdem nicht vergangen und umso größer war die Freude über das neue Album. Auch auf „Nocturne“ verbindet die Band eine von Synthie-Schwaden überlagerte Instrumentierung mit vorsichtigem, von Hall belegtem Gesang, und erweckt damit immer wieder träumerische Assoziationen von Winterwäldern und nebelverhangenen Wiesen. Die repetitiven Elemente, die für Wild Nothing so charakteristisch sind, finden sich auch auf „Nocturne“ wieder, Klangpassagen wiederholen sich in den Stücken, Soundelemente schichten sich aufeinander und überlagern sich, sodass die einzelnen instrumentalen Strukturen verschwimmen und nie richtig zu fassen sind. Der leise und ein wenig abwesend wirkende Gesang tritt häufig hinter längere Instrumental-Phasen zurück, um dann wieder mehr in den Vordergrund zu rücken. Allerdings bleiben die Vocals auch durch das langsame und lang gezogene Prononcieren immer im Song bestehen, Gesang und Instrumentierung stehen gleichberechtig nebeneinander, unterstützen und formen sich gegenseitig. Manchmal scheint es fast so, als käme die Stimme aus einer fremden Welt und würde vom Wind in unsere Ohren getragen.

Und doch kann „Nocturne“ nicht komplett überzeugen – dazu ist es zu eindeutig das stärker produzierte und für den Hörer gemachte zweite Album. In ihrer musikalischen Grundlinie bleiben sich Wild Nothing zwar treu, dennoch sind die Stücke wesentlich poppiger und eingängiger angelegt und die Songstrukturen weniger vertrackt. Gitarre und Schlagzeug treten auf „Nocturne“ stärker in den Vordergrund, die Melodieführung ist klarer. Insgesamt ist das Album deutlicher und der Stückcharakter der einzelnen Songs tritt mehr in den Vordergrund. Was vorher so überzeugte, das geht auf „Nocturne“ verloren. Konnte man Wild Nothings Debüt an einem Stück durchhören ohne wirklich genau zu wissen, wann welcher Song begann oder aufhörte, so sind Songs wie „Only Heather“ nicht nur klanglich, sondern auch textlich als Einzelstücke angelegt. Nur das erste Stück „Shadow“ ist noch beinahe ebenso leise und zurückhaltend, trägt den Zuhörer noch einmal morgens über angetaute Wiesen und Zauberwälder.

Das soll allerdings nicht heißen, dass „Nocturne“ nicht hörenswert wäre – die Amerikaner wissen, wie man wunderschönen, vielschichtigen Dream-Pop macht, der den Zuhörer begeistert. Am besten nimmt man ihre Musik irgendwohin mit, wo man Zeit und Ruhe hat, sei es eine Zug- oder Autofahrt durchs Land, in der Sonne liegend oder nachts in der Stadt, denn ihre Musik wirkt am besten, wenn man sich völlig darin verlieren und sich darauf einlassen kann. Das Poster schmückt auf jeden Fall weiterhin den Flur, in der Hoffnung, dass mit dem heiß ersehnten zweiten Album bald auch die nächste Tour kommt.

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Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    flx
    Aug 27, 2012 Reply

    Wild Nothing ist KEINE Band. Es ist ein Soloprojekt von Jack Tatum.
    Entschuldigt die klugscheißerei.

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