Über Zahlen in der Popmusik

Foto einer KreidezeichnungOb tiefere Bedeutung oder optisches Salz in der Suppe – die Popmusik kommt nicht ohne Zahlen aus

Popmusik und der Kult um bestimmte Zahlen – das war im Grunde schon immer miteinander verbunden wie Gin und Tonic oder Erdbeeren mit Schlagsahne – sei es durch Charts-Platzierungen und die Anzahl verkaufter Tonträger, die Geschwindigkeit von Schallplatten (33 und 45 UpM) oder auch zahlenbasierte Song- und Albumtitel. Ein besonders prägnantes Beispiel für Letzteres liefert ganz aktuell Jay-Z, der zusammen mit Beyoncé schon seit einiger Zeit die Zahl Vier für sich entdeckt hat.

„4:44“ heißt das neue Album, das Jay-Z am 30. Juni 2017 exklusiv über seinen eigenen Streamingdienst Tidal veröffentlicht hat. Zusätzlich ist auch noch ein gleichnamiger Film angekündigt. Den Titeltrack des Albums hat Shawn Carter, wie die Rap-Ikone mit bürgerlichem Namen heißt, nach eigenen Angaben eines Morgens geschrieben, als er genau um 4.44 Uhr aufwachte. Das allein ist nun noch nichts Besonderes. Schon spannender wird es aber durch die Tatsache, dass sich seine Frau Beyoncé Knowles und er schon länger mit der Zahl Vier beschäftigen: Jay-Z hat am 4. Dezember Geburtstag, Beyoncè am 4. September. Aus Begeisterung für die Zahl haben die beiden dann auch an einem 4. April geheiratet und ließen sich die römische Zahl IV auf ihre Ringfinger tätowieren. Na gut.

Doch sind die beiden nicht die Einzigen, die sich in letzter Zeit mit Zahlen auseinandergesetzt haben: 2016 erschien das Album „22, A Million“ des Indie-Folk-Künstlers Bon Iver. Der ging bei der Namensgebung seiner Tracks sogar noch etwas weiter als Jay-Z und benutzte neben Zahlen zusätzlich Symbole, wie zum Beispiel bei „21 M♢♢N WATER“ oder „715 – CRΣΣKS“. Was es mit diesen Gebilden konkret auf sich hat oder ob überhaupt eine tiefere Bedeutung dahinter steckt, wird auf den ersten Blick nicht ganz klar – sie passen aber ganz gut zum religiös verbrämten Cover und zur klanglichen Ausrichtung des Albums. Handelt es sich am Ende gar um einen Rückzug ins Spirituelle?

Unkompliziert und pragmatisch geht dagegen Adele bei der zahlenbasierten Namensgebung ihrer Veröffentlichungen vor. Bisher hat sie jedes Album konsequent nach ihrem Lebensalter zum Zeitpunkt der Aufnahme benannt – „19“, „21“ und „25“ hießen dementsprechend die Tonträger. Damit nimmt Adele quasi schon im Titel vorweg, was später in Features oder Reviews vieler Magazine sowieso inflationär erwähnt wird: das Alter der Künstlerin bzw. des Künstlers. Die Konstruktion von Jugendlichkeit ist in der Popmusik nämlich nach wie vor sehr präsent, und traditionell ist in der Warenwelt meist das Aktuelle und Neue am interessantesten. Das klingt unromantisch – ist es auch. Altern im Pop wird dagegen eher selten thematisiert – jüngst zum Beispiel sehr treffend von Christiane Rösinger in „The Joy Of Ageing“.

Einen weiteren, leider unvermeidlichen Aspekt im Zusammenhang mit Zahlen und Alter in der Popmusik gibt es dann leider auch noch, und das ist der Tod der ProtagonistInnen. Hier fällt vielen sicher der makabre „Club 27“ ein – Stars, die im Alter von 27 Jahren verstorben sind, wie Brian Jones, Janis Joplin, Jimi Hendrix, Jim Morrison, Kurt Cobain oder Amy Winehouse.

Und wo sind Zahlen sonst noch wichtig? Na klar, bei vielen Bandnamen! U2, UB40, Level 42, Blink-182, 2raumwohnung oder 50 Cent wären ohne ihren Zahlenanteil wahrscheinlich ganz schön aufgeschmissen gewesen. Oder hätte eine Band mit dem Namen „You Too“ etwa einen derartigen Erfolg haben können? Vermutlich nicht. Zahlen dienen hier ganz offensichtlich als Salz in der Suppe, als Garant für Coolness und Extravaganz, ohne dabei inhaltlich besonders bedeutend zu sein.


Auch Grime-Rapper Wiley untermalt seinen Call-To-Arms-Track „Numbers In Action“ aus dem Jahr 2011 mit vielen Zahlenspielereien.

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