Patti Smith wird 70

Foto von Patti SmithSängerin, Schriftstellerin, Malerin und Poetin – Patti Smiths Kunst hat viele Facetten. (Foto: Jesse Ditmar)

Tiefschwarze verstrubbelte Haare, blasse Haut, ein weißes zerknittertes Hemd, dessen nicht mehr vorhandener Saum mit der gewohnten Strenge derartiger Kleidung bricht. Dazu ein schwarzes Band, das wie ein Hosenträger locker um den Hals liegt und das Jackett mit dem kleinen Pferdeanstecker über die Schulter geworfen. Spätestens jetzt dürfte klar sein, um wen es sich bei dieser Beschreibung handelt, denn das schwarz-weiße Cover des 1975 erschienenen, von John Cale produzierten Albums „Horses” hat sich ins pophistorische Gedächtnis eingebrannt.

Abgebildet ist die als Ikone des Punk geltende Patti Smith, die am 30. Dezember 70 Jahre alt wird. Robert Mapplethorpe, ihre erste Liebe und bis zu seinem Tod ein guter Freund, hat das markante Foto in der Wohnung seines Partners aufgenommen. Die An­d­ro­gy­nie der Pose und des Looks unterscheiden sich stark von typischen Promobildern der Sängerinnen der 1970er Jahre. Auch musikalisch wärmt Smith nicht Vergangenes auf, sondern erschafft mit dem Album eine eigene Ausdrucksform, die heute als Vorläufer von Punk und New Wave zählt. Als Künstlerin ist Patti Smith jedoch zu facettenreich, um sie nur ihrer Musik wegen zu erwähnen. Auch sie selbst wollte nie bloß Sängerin sein, sondern immer auch und vor allem Schriftstellerin, Malerin und Poetin.

Nach der Geburt eines Kindes, das sie zur Adoption freigibt, und um der stumpfen Arbeit in einer Fabrik zu entkommen, zieht es sie 1967 nach New York. Dort lernt sie den Kunststudenten Robert Mapplethorpe kennen, der ihr immer wieder zufällig in der Stadt begegnet. Die beiden ermuntern sich gegenseitig, neue Dinge zu kreieren – für Smith sind das in erster Linie Texte.

Als sie 1969 in das als Künstlerherberge bekannte Chelsea Hotel ziehen, kommen die beiden immer mehr mit der lokalen Szene in Berührung und steigern ihre Produktivität. Vor allem Beat-Autoren wie Allen Ginsberg, Jack Kerouac und William S. Burroughs, die wie das Paar zeitweise im Chelsea Hotel wohnen, beeinflussen Patti Smith. Sie veröffentlicht erste Gedichte in Zeitschriften wie „Rock“ und „Creem“. 1974 traut sie sich dann ihre erste Single „Hey Joe“ zu. Nur ein Jahr später folgt ihr Debütalbum „Horses“.

Als 1978 auf „Easter“ der Song „Because The Night“ erscheint, wird dieser ihr bis heute größter Hit und das Album zu ihrem erfolgreichsten. Erstaunlich, denn viele Händler boykottieren den Verkauf. Nicht der Musik wegen, sondern weil sie die unrasierten Achseln auf dem Cover empören. Nicht nur deshalb gilt Patti Smith heute als feministische Ikone und Vorreiterin, wenn es um die Lockerung starrer Geschlechterrollen geht. Als sie 1979 auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angelangt ist, beendet sie diese plötzlich, zieht sich zurück und verbringt lieber Zeit mit ihren zwei Kindern und ihrem Ehemann Fred „Sonic“ Smith. Erst 1996 wagt sie mit dem Album „Gone Again“ ein musikalisches Comeback.

In den vergangenen Jahren hat Patti Smith vor allem wieder als Autorin auf sich aufmerksam gemacht. Zwar veröffentlicht sie schon seit 1972 Lyrik, aber „Just Kids“, das Buch über ihre Beziehung zu Robert Mapplethorpe, das zudem ein scharfes Bild des New York der 1970er Jahre zeichnet, wurde zum Bestseller. Erst im vergangenen Jahr ist mit „M Train“ ein zweiter autobiografischer Band erschienen, der an „Just Kids“ anschließt. Heute wird sie 70 Jahre alt.

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