Portishead – „Dummy“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Dummy“ von Portishead

Portishead – „Dummy“ (Polydor)

Während sich das Jahr 2019 dem Ende entgegen neigt und traditionell wenig neue Musik veröffentlicht wird, nutzen wir die Chance, den Blick nach hinten zu richten: Statt neuer Langspieler stellen wir wegweisende Alben vor, die 2019 ein Jubiläum feiern. In dieser Woche ist es „Dummy“ von Portishead, das in diesem Jahr 25 Jahre alt geworden ist.

Wer einmal das Privileg genießen durfte, Portishead live zu sehen, der oder die weiß, was Intensität bedeutet. Selbst den unwirtlichen Acker eines großen Festivals konnten Sängerin Beth Gibbons, Soundarchitekt Geoff Barrow und Gitarrist Adrian Utley scheinbar mühelos in einen intimen Club verwandeln. Dabei grenzt es an ein Wunder, dass diese drei Menschen von Anfang an in der Lage waren, diese schier unmenschliche Intensität auf Tonband zu bannen. Ihr Debütalbum „Dummy“ wurde in diesem Jahr 25 Jahre alt – und hat bis heute nichts von seiner Anziehungskraft verloren.

Ebenfalls schwer vorstellbar: Laut Barrow hatte Gibbons, bevor er sie kennenlernte, öfter im eigenen Schlafzimmer als auf Bühnen gesungen. 1991 arbeiteten der HipHop-Fan und die Sängerin zum ersten Mal an gemeinsamen Songs, interessanterweise in Neneh Cherrys Küche (Barrow produzierte Teile ihres zweiten Albums „Homebrew“). Utley, ein studierter Jazz-Musiker, komplettierte wenig später das Trio – und erweiterte mit seinem eklektischen Instrumentarium ihre ursprünglich samplingbasierte Nachtmusik: das körperlose Heulen eines Theremins. Das harmonische Klackern eines Dulcimers. Eine nervös oszillierende E-Gitarre, irgendwo zwischen James-Bond-Soundtrack, Spaghetti-Western und Jimi Hendrix.

Der ganze Körper vibriert

„Dummy“, das erste Album dieses ungleichen Trios, ist einerseits ein deutliches Produkt seiner Zeit und seines Entstehungsortes. Die Musik basiert auf dem Trip-Hop, der zu Beginn der 90er-Jahre in Bristol populär war. Seine Merkmale: Schwere, gesamplete Beats, aus dem Dub entliehene Sub-Bässe, melancholischer Gesang. Kein Wunder, schließlich arbeitete Barrow kurz vor „Dummy“ an einem anderen Standardwerk des Genres: Er war einer der Sound-Ingenieure von Massive Attacks Durchbruchsalbum „Blue Lines“.

Portishead nahmen diese Grundbausteine – und erschufen mit „Dummy“ ein ganz eigenes Biest. Die Band vereint komplexe Emotionen mit Klängen, die stetig die Richtung wechseln.. In einem Moment reißen sie ein bodenloses, alles verschlingendes Loch auf. Im nächsten wickeln sie einen in warme Decken. Die Snare in „Mysterons“ rasselt wie Ketten, die nur darauf warten, einem die Kehle zuzuschnüren. Der „Funky-Drummer“-Beat in „Sour Times“ groovt in aller Seelenruhe. Die tonnenschweren Drums von „Numb“ ziehen einen widerstandslos auf den Boden. Die Tremolo-Gitarre in „Roads“ gibt einem das Gefühl, nachts auf einem endlosen Ozean zu treiben. Ruhe und Verzweiflung liegen auf diesem Album ganz nah beieinander.

Doch die größte Intensitätsquelle von „Dummy“ ist und bleibt Gibbons. Ihre Stimme dominiert diese elf Tracks mühelos. Sie erhebt sich nur selten über ein Flüstern oder ein Hauchen, stets ganz nah am Ohr klebend. Gibbons singt ihre Texte so, als wären sie innige Geheimnisse, die sie nur einem Menschen – Dir! – anvertraut. „And I ain’t guilty of the crimes you accuse me of / But I’m guilty of fear“, gesteht sie in „It Could Be Sweet“. Und wenn sie dann doch mal laut wird, wie im nervenzerfetzend sinnlichen Outro „Glory Box“, fühlt man sich fast schon ertappt. Als würde man gerade etwas hören, was man nicht hätte hören dürfen. Viel intimer kann Musik nicht sein.

Veröffentlichung: 22. August 1994
Label: Polydor

Bild mit Text: Förderveein „Freunde von ByteFM“

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