Post-Swag ist der Sound 2016 – und er kommt aus Österreich

Foto vom österreichischen Rapper Yung HurnDer österreichische Rapper Yung Hurn

Österreichs Exportschlager waren bis dato Sachertorte, Falko und das Wiener Schnitzel – aber seit gut einem Jahr sollte man das Alpenland aus einem ganz anderen Grund in den Fokus nehmen: Rap.

Österreich hat eine Rap-Szene? Ja, und sie boomt. Angefangen hat alles eigentlich schon 2010. Da tauchte plötzlich ein großer Typ auf, mit bunten Shirts, Goldketten dicker als jedes Klischee und sehr schlechten Rapkünsten: Money Boy drehte den Swag auf. Meint der das ernst oder ist das ein Scherz, eine herrliche Parodie auf das oft so prollige Rap-Biz? Dem Wiener ist relativ egal, was man von ihm hält. Er veröffentlicht am laufenden Band neue Tracks und Videos, führt einen sehr unterhaltsamen Twitter-Account und erfreut sich mittlerweile einer riesigen Fangemeinde. Die verkörpern den „Swag“ des Boys genau wie er – sie sprechen seine Sprache, dieses komische Gemisch aus Deutsch und Englisch, sie tragen Gucci Bandanas und „sippen“ „Kola mit Ice“.

Eine eigene Crew hat Money Boy auch. Die Glo Up Dinero Gang begleitet ihn zum Beispiel auch auf Tour. Und bringt ihre eigenen Rapper hervor. Hustensaft Jüngling zum Beispiel. Der dünne, blasse Junge wurde massiv vom Boy supportet, spielt in seinem Vorprogramm und hat sich einiges bei ihm abgeguckt. Selbstbewusste Hooks, einfache Beats. Dazu trägt er Fischerhut und ist auf der Bühne gern auf Rollschuhen unterwegs. Auch er glänzt nicht gerade durch gute Rap-Technik oder Inhalt, dafür aber mit Wortwitz und dem übertriebenen Abfeiern von sich selbst. Genau wie sein Bro Medikamenten Manfred, der neben der Liebe zu codeinhaltigen Säften auch einen YouTube-Kanal mit ihm teilt, auf dem auch sie unaufhaltsam neue Videos raushauen.

Außerhalb der Money-Boy-Crew gibt es aber noch ein paar andere Rapper, die sich desselben Stils bedienen und sich mittlerweile nicht nur in Österreich einen Namen gemacht haben. Der ebenfalls aus Wien stammende Yung Hurn zum Beispiel. Der flaniert gern mit einer Ming-Vase, einer Flasche Wodka und selbstverständlich mit einer Horde Bros und Baes durch den 22. Bezirk der Donaustadt und rappt auf ebenfalls simple Beats seine dadaistischen Texte. Um die zu schreiben, braucht er selten mehr als zehn Minuten, sonst seien sie laut eigener Aussage „viel zu durchdacht“. Na gut. Dafür sollte man sie vielleicht auch nicht zu ernst nehmen. Beim Song „Opernsänger“ zum Beispiel darf man gern beherzt über (oder mit?) Yung Hurn lachen, spätestens bei der Stelle „Figaroooo“.

Aus dem gleichen Kollektiv, das sich Live From Earth nennt, stammt auch der im Rollstuhl sitzende Rapper Young Krillin. Der kommt aus Salzburg, klingt aber ähnlich wie seine Wiener Homies. Dafür ist bei ihm der österreichische Dialekt stärker ausgeprägt, was das Ganze zumindest für Hochdeutsch sprechende HörerInnen irgendwie immer auch ein kleines bisschen lustig macht – #nooffend.

Seine Herkunft verleugnet auch Crack Ignaz nicht. Der selbsternannte „König der Alpen“ zelebriert seinen Dialekt in Höchstform: „Braun-grüne Preckerl, bra, tu net kleckern / Kush is so strong es macht Hawa deppert / Grey Goose und Guava im Becher, na is net schlecht, hu“. Na, nicht alles verstanden? Macht nichts, seiner Musik schadet es nicht. Im Gegenteil, es macht seinen Rap umso interessanter. Für sein Debütalbum „Kirsch“ wurde er letztes Jahr schon als der neue „Hoffnungsträger des HipHop“ stilisiert und auch mit seinem aktuellen Werk „Geld Leben“ arbeitet er weiter an seinem Status als Liebling der Szene.

Als größten musikalischen Einfluss nennen die Österreicher übrigens US-amerikanische Rapper wie Lil B, A$AP Rocky oder SMIB. Das ist unverkennbar: ähnlicher Style, reduzierte Texte, gleiche „Technik“. Und noch was haben fast alle gemeinsam: Veröffentlicht wird nicht über ein Label, sondern neue Songs werden direkt über SoundCloud oder YouTube verbreitet.

Cloud Rap wurde dieses neue Genre schnell genannt. Die Merkmale: bedeutungslose Texte, fast schon hypnotisierende Wiederholungen, Autotune. Ein Begriff, mit dem sich die meisten österreichischen Rapper aber nicht identifizieren wollen. Als „Post-Swag“ bezeichnen die meisten von ihnen es deshalb auf ihren Facebook-Seiten. Wenn man sich auf denen übrigens mal umsieht, stellt man noch etwas fest: Was diese Boys machen, ist nicht nur Musik. Sie haben nebenbei eine regelrechte Jugendkultur erschaffen. Der Slang, die Klamotten, die Attitude, dafür feiern ihre Fans sie ab – und machen es ihnen nach.

Welchen Stempel auch immer man dem Ganzen nun geben möchte, fest steht: Da tut sich gerade einiges, was die Rap-Szene von hinten aufmischt. Manche HipHopper mag das zur Verzweiflung bringen, was diese jungen Typen mit ihrem irren Selbstbewusstsein, Ironie aber auch tatsächlich viel Ernsthaftigkeit gerade im Biz bewegen. Sei mal dahingestellt, ob man das gut findet und wie ernst man diese neue Szene nimmt – auf eines sollten wir uns einstellen: Interessanter neuer Rap wird dieses Jahr auf jeden Fall aus Österreich kommen.

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