Queer Rap: Charts, Mode und Punk

Foto vom Angel Haze

„No, I’m not gay / No, I’m not straight / And I sure as hell am not bisexual / Damn it, I am who I am when I am it.“: Roes (fka Angel Haze) bringt queere Themen aufs Rap-Tablett

Queer und erfolgreich: Der Geschlechtsnormenkatalog der 1950er ist keine Voraussetzung mehr für Erfolg in den Charts. Allgemeine Akzeptanz für Abweichungen von veralteten Normen ist damit noch nicht erreicht, aber es passiert etwas. War offene Homosexualität im HipHop einst ungefähr so verbreitet wie im Profi-Fußball, ist sie heute kein Hindernis mehr für Erfolg und Reputation. Vielleicht rächen sich da die vernachlässigten Disco-Wurzeln am etablierten Mackertum. Im Umgang damit, dass Geschlechtsidentitäten und sexuelle Vorlieben in Teilen der Gesellschaft noch immer stigmatisiert sind, sind verschiedene Strategien möglich – im Folgenden einige der aktuell spannendsten Acts.

Lizzo: Liebe, wen Du willst

Dass Lizzo als HipHop-Künstlerin mit LGBT-Hintergrund es mit dem Song „Juice“ in die US-Top-Ten geschafft hat, verdeutlicht, dass der Erfolg im Rap-Game nicht mehr Männern vorbehalten ist, die sich damit brüsten, die Heterosexuellsten von allen zu sein. Dass dies noch Nachrichtenwert hat, weist hingegen darauf hin, dass es noch nicht allen egal ist, mit wem eine Person, die in ein Mikrofon singt, ins Bett geht.

Kevin Abstract: Eine Geschichte, die immer wieder gehört werden muss

Es war zwar nicht unbedingt eine Sensation, als Kevin Abstract am 25. April 2019 das Album „Arizona Baby“ veröffentlichte, aber es wäre vermessen optimistisch anzunehmen, dass Homophobie im HipHop kein Problem mehr darstelle. Abstract ist kein musikalischer Visionär und das Album wird nicht auf den oberen Rängen der Jahrescharts stehen. Nichtsdestotrotz ist seine Geschichte von großer Relevanz. Eine Geschichte, die heute zum Glück einem größeren Publikum erzählt werden kann – ein großes Unglück hingegen ist, dass sie immer wieder erzählt werden muss: Ein Teenager reißt aus, flieht vor seinem religiösen Elternhaus, das erst aus den Medien erfährt, dass ihr Sohn auf Männer steht. Das Problem mit Identität ist, dass sie Ausgrenzung mit sich bringt. Im schlimmsten Fall endet das fatal für die Ausgeschlossenen.

Zebra Katz: Mode, Madonna und Posen

Es ist eine Geschichte, die zum Beispiel in der Serie „Pose“ erzählt wird, die die Voguing- und Ballroom-Subkultur im New York der 1980er-Jahre porträtiert. Die Szene ermöglichte Drag Queens, Transsexuellen und anderen nicht in christlich-europäisch-heterosexuelle Wertekataloge Passenden, sich Verhaltensweisen anzueignen, auszuhöhlen und neu zu besetzen. Es war ein Freiraum; wichtig für die Community, aber nicht anschlussfähig für den Mainstream. Dessen einziger Kontakt zu der Szene spielte sich über den sicheren Abstand von Fernseher und Radio ab, als Madonna der Szene mit „Vogue“ ein Denkmal setzte, vor allem aber ihre eigene Marke um eine weitere Nuance erweiterte. Jahre später griff der Rapper Zebra Katz das Vokabular und die Ästhetik der Ballroom-Szene auf. „Ima Read“ etwa unterwandert die Macho-Ästhetik von Battlerap, indem er dieser die Diss-Praxis des „Reading“ aus der Ballroom-Szene gegenüberstellt.

Mykki Blanco: Identitäten auseinandernehmen

Weniger Laufsteg, aber mehr Madonna: Mykki Blanco, die Bühnenpersona des kalifornischen MCs Michael Quattlebaum Jr., ist eine langhaarige Frau, aber keine Drag-Queen. Der Rapper mit der tiefen, rauhen Stimme erklärte in sozialen Medien, er wolle im Maskulinum angeredet werden und verstehe sich als homosexueller Mann. Die Frau Mykki Blanco sei die Verkörperung seiner Identitätsfindung (während der er sich zeitweise auch als transgender verstand).
Die Ballroom-Szene spielte in Quattelbaums Jugend keine Rolle; die musikalische Sozialisierung lief über Punk und Riot Grrrl, was eigentlich ziemlich offensichtlich ist: Der Sound bleibt nie lange derselbe, ist selten klar kategorisierbar. Der einzige rote Faden scheint neben Sprechgesang ein Hang zum Krach zu sein. Auch die visuelle Inszenierung folgt einer scheinbar halbherzig dahingeworfenen ästhetischen Vagheit, die letztlich sehr präzise die Inkonsistenz von musikalischen und geschlechtlichen Identitäten zur Schau stellt. Während die Ballroom-Szene es oft darauf anlegt, dass Inszenierungen von Außenstehenden für bare Münze genommen werden, macht Mykki Blanco das Gegenteil und zeigt, dass die Münze nur ein wertloses Stück Metall ist. Trotzdem oder gerade deswegen gehört hier mal wieder Madonna zu den Fans; eine musikalische Zusammenarbeit ist angekündigt.

Young M.A: Rap-Battle mit Alpha-Männern

Nicht alle haben Lust, aus ihren sexuellen Vorlieben eine groß inszenierte Schau zu machen. Rapperin Dej Loaf zum Beispiel kommentiert diesbezügliche Gerüchte sehr vage, ist aber auch niemandem Rechenschaft schuldig, nur weil sie die Haare kurz und die Hosen weit bevorzugt. Diese Style-Vorlieben teilt auch Katorah Marrero, die keinen Hehl daraus macht, dass sie lesbisch ist. Als Young M.A hat sie sich einen Namen gemacht und mit Rap, der sich ähnlichen Themen widmet wie die Texte männlicher Platzhirsche: Gewalt, Sexualität, die eigenen Fähigkeiten und finanzieller Erfolg. Marrero steht in einer Battle-Rap-Tradition und fällt auf diesem Macker-Terrain nur durch ihre Skills auf.

Angel Haze/Roes: Frischer als weiße Emos

Angel Haze hätte erfolgreich sein müssen. Dass ihre Alben „Dirty Gold“ und „Back To The Woods“ sie nicht reich gemacht haben, ist schwer zu erklären. Während weiße, heterosexuelle Jungs sich auch im achten Emo-Revival mit Punksongs über Selbstverletzung und Depressionen dumm und dämlich verdienen, funktioniert dies bei einer afroamerikanischen Person, die sich mit keiner Geschlechterrolle identifiziert, anscheinend nicht, auch wenn die Musik zu den aufregendsten mainstreamtauglichen Produktionen gehört. Möge Angel Haze unter dem neuen Namen Roes mehr Erfolg zuteil werden.

Mehr Queer-Rap, weniger Identitäten

Solange mit zweierlei Maß gemessen wird, ist es umso wichtiger, dass den ProtagonistInnen zugehört wird. Dass Mykki Blanco ohne Madonna kein Zeltdiskopublikum erreicht, liegt bei aller Bewunderung auch in der bisweilen schwerverdaulichen Musik begründet. Aber wenn Chris Brown seine Freundin verprügeln kann und ein Star bleibt, während ein Künstler wie Le1f sich mit dem Wohlwollen der Kritik begnügen muss, besteht dringender zivilisatorischer Nachholbedarf. Wenn sich Internetforen den Kopf darüber zerbrechen, was eine Rapperin nach Feierabend macht, zeigt das, dass im Pop nicht nur Musik und Image über Erfolg entscheiden, sondern auch, welche sexuelle Vorlieben man hat. Und wenn diese nicht im religiösen Regelwerk vorgesehen sind, wünscht der Markt wenigstens irgendeine Festlegung auf ein Modell. Und Dej Loaf, ist die jetzt überhaupt queer? Keine Ahnung, wen kümmert‘s. Soll sie selber sagen oder auch nicht – die Musik ist jedenfalls toll.

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