„Remain In Light“: Das Art-Funk-Meisterwerk von Talking Heads wird 40

Bild des Albumcovers von Talking Heads' „Remain In Light“, das am 8. Oktober 2020 40 Jahre alt wird.

Talking Heads – „Remain In Light“ (Sire Records)

Anfang des Jahres 1980 waren Talking Heads eigentlich keine Band mehr. Soviel lässt Schlagzeuger Chris Frantz in seiner kürzlich erschienenen Autobiografie „Remain In Love“ durchblicken. Im Dezember 1979 beendete die US-amerikanische Art-Rock-Band ihre Europa-Tour zu „Fear Of Music“, ihrem im August erschienenen dritten Album. In Russland fragte ein Journalist Frantz und Bassistin Tina Weymouth, was sie nun für die Zukunft planten, jetzt, wo Frontmann David Byrne die Band verlassen hat. Davon wussten Frantz und Weymouth nichts. Der nicht besonders umgängliche Sänger und Gitarrist hatte seinen Ausstieg aus der Band nur der Presse verkündet. Aber nicht seinen Mitmusiker*innen.

Ende des Jahres 1980 veröffentlichten Talking Heads dennoch das möglicherweise beste Album ihrer Karriere. Der Weg zu „Remain In Light“ war schwer. Doch Byrne, Frantz, Weymouth und Gitarrist Jerry Harrison schufen trotz all der inneren Zerwürfnisse neun Songs, deren seltsame Grooves bis in die Gegenwart nachhallen. Am 8. Oktober 2020 wird dieses Album 40 Jahre alt.

Zerstritten in Hochform

Hört man „Remain In Light“ nach dem Vorgängeralbum, ohne die Hintergrundgeschichte zu kennen, wirkt es eigentlich wie eine logische Fortsetzung. Talking Heads begannen ihre Karriere als zappelige, verkopfte Post-Punk-Band, inspiriert von ihren New Yorker Zeitgenossen Television. Auf „Fear Of Music“ begannen sie jedoch, gemeinsam mit ihrem Produzenten Brian Eno mit Tape-Loops und Afrobeat-Rhythmen zu experimentieren. Am deutlichsten war das im Opener „I Zimbra“ zu hören, ein bizarrer Mash-up aus Highlife-Gitarren und Dada-Poesie. Genau diesen polyrhythmische Art-Funk wollte die Band auf ihrem nächsten Album weiter verfolgen. Doch dann verließ Byrne die Band.

Damit lag die Entscheidung über die Zukunft der Gruppe beim Rest der Band. Das Ehepaar Weymouth und Frantz war sich uneinig. Erstere hatte genug von den Egotrips ihres einstigen Anführers, der die Credits auch bei eindeutig in Zusammenarbeit erschaffenen Ideen ganz für sich alleine beanspruchte. Letzterer wollte weitermachen, ahnte, dass da noch eine große Zukunft bevorstehen könnte. Als Frantz von Byrne gefragt wurde, für ein geheimes Duo-Projekt mit Brian Eno Schlagzeug zu spielen (der 1981 erschienene Sampling-Meilenstein „My Life In The Bush Of Ghosts“), schmiedete das Ehepaar einen Plan.

Weymouth und Frantz mussten Byrne förmlich ins Studio locken. Erst begannen sie, mit Harrison ein paar lose Jams aufzunehmen. Mit „I Zimbra“ als Vorbild bauten sie die dichten Afrobeat-Grooves noch weiter aus. Rhythmen stapelten sich wild übereinander. Das Ergebnis steckten sie erst Brian Eno zu. Der Brite, der eigentlich ebenfalls nicht mehr mit Talking Heads zusammenarbeiten wollte, war begeistert. Kurze Zeit später erschien auch Byrne zu den Proben. Zwei Monate später war „Remain In Light“ fertig.

Ungreifbare Grooves, unironische Schönheit

Die Musik, die diese fünf Menschen da ausknobelten, ist auch heute noch ziemlich ungreifbar und unfassbar. Der Opener „Born Under Punches (The Heat Goes On)“ wird von einem abgehackten Beat angetrieben, der gleichzeitig zu sprinten und zu stolpern scheint. „Take a look at these hands“, fordert Byrne mit der Dringlichkeit eines apokalyptischen Priesters. Gast-Gitarrist Adrian Belew beendet den Song mit einem Solo, das klingt, als hätte man versehentlich bei einer Fax-Nummer angerufen. Die einzelnen Elemente, oftmals aus verschiedenen Tape-Loops zusammengeklebt, scheinen eigentlich nicht zusammenzupassen. Tun sie aber, wie ein Blick aufs eigene, hektisch mitzappelnde Tanzbein verrät.

Und der Wahnsinn hört nicht auf: „Crosseyed And Painless“ ist ein Epos, dessen eng verwobene Basslines, Drumpatterns und Gitarrenschichten unbeirrt vor sich hingrooven. In „Houses In Motion“ klingen Talking Heads wie die neurotischen Geschwister von Parliament – und mindestens genau so funky. Der Hit „Once In A Lifetime“ oszilliert im Sekundentakt zwischen Hoffnungshymne und Existenzkrise. Die Ballade „Listening Wind“ bietet überraschend pure, unironische Schönheit, speziell in Weymouths wehleidig absteigendem zweistimmigen Bass. Das ist keine Musik, die von vier Streithähnen und -hennen erschaffen werden kann. Das ist eine Band in künstlerischer Hochform.

Als die Band das Studio verließ, war es mit der Magie schnell wieder vorbei. Talking Heads und Brian Eno einigten sich eigentlich gemeinsam auf gleichmäßig verteilte Credits. Auf dem Album stand am Ende, nicht ganz überraschend: „All songs written by David Byrne and Brian Eno.“ Es gleicht einem Wunder, dass diese Band noch weitere zehn Jahre existieren konnte. Sie sollte noch viele Höhepunkte erreichen: Ihr kommerziell erfolgreiches Nachfolgealbum „Speaking In Tongues“, der legendäre Konzertfilm „Stop Making Sense“. Besser als auf „Remain In Light“ klangen sie nie.

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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