Scott Walker: Popstar, Genie und Klang­weltenforscher

Foto von Scott WalkerScott Walker (Foto: Iain & Jane)

In den letzten Jahren ist es in der öffentlichen Wahrnehmung etwas ruhiger um Scott Walker geworden. Dabei handelt es sich seit Jahrzehnten um einen der interessantesten, schillerndsten und aufregendsten Musiker in der Popwelt – wobei „Popwelt“ eigentlich das Feld eines Scott Walker viel zu eng absteckt.

Der 1943 geborene Scott Engel, wie Walker eigentlich heißt, veröffentlicht bereits seit den späten 50er-Jahren Platten. Das war der Beginn einer unvergleichlichen Musikkarriere voller Höhen und Tiefen und vor allem gekennzeichnet von vielen unerwarteten musikalischen Wandlungen, die ihn bis heute zu einem Vorbild verschiedenster Musiker wie Jarvis Cocker, Damon Albarn, Dot Allison oder Gavin Friday machen.

Das Frühwerk des 12-jährigen Scott ist vernachlässigbar. Es sei daher nur kurz erwähnt: Die Songs zu der Zeit waren stark Rock-’n’-Roll-beeinflusst, Walkers spätere Stimme konnte man aber schon erahnen.

Interessant wurde es Anfang der 60er, als Scott Walker Bassist einer Band wurde, die es bald zu Weltruhm bringen sollte – unter dem Namen The Walker Brothers. Zusammen mit seinen „Brüdern“ John und Gary Walker (John Maus und Gary Leeds) veröffentlichte er fünf Alben in nur vier Jahren ihres Bestehens. Hits wie „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“ oder „Make It Easy On Yourself“ sind heute noch bekannt. Als Leadsänger gerade bei den Hits war es für Scott Walker nach dem Split der Band leicht, eine Solokarriere zu starten.

In Deutschland hatte er eine Frau kennengelernt, die ihm Jacques Brel und den Existenzialismus näherbrachte. Er war derart begeistert davon, dass er auf seinen ersten drei Soloalben, die einfach „Scott 1–3“ durchnummeriert wurden, etliche Brel-Songs auf Englisch coverte. Die Alben waren opulent instrumentiert, sehr ungewöhnlich arrangiert, und Scotts Stimme stand stets im Mittelpunkt. Er hatte sich also nicht auf seinem Erfolg ausgeruht, sondern suchte neue Wege. Das Ergebnis sind Alben, die in ihrer melancholischen Intensität bis heute als Meilensteine gelten.

Mit „Scott 4“ kam der Bruch. Es enthielt nur Eigenkompositionen und war von einer tiefen Ernsthaftigkeit geprägt. „The Seventh Seal“ bezog sich etwa direkt auf Ingmar Bergmans Meisterwerk „Das siebente Siegel“, Camus war ebenso Thema wie der Prager Frühling. Das verprellte die Fans. Die Platte floppte.

Es folgten die 70er. Der erfolgsverwöhnte Walker war vom Misserfolg von „Scott 4“ enttäuscht und suchte einen Neuanfang. Das Ergebnis waren stark Country-geprägte Alben, die nur noch wenig die grandiosen Arrangements der Vorgängeralben enthielten. Scott Walker schrieb die Stücke nun nicht mehr selber. Auch damit konnten die Fans nichts anfangen. Auch die 70er-Jahre-Soloplatten floppten. Eigentlich zu Unrecht, ist doch gerade das Album „Any Day Now“ von 1973 eine sehr dichte Platte mit wieder sehr guten Stücken.

Sicher aus Ratlosigkeit kamen die Walker Brothers 1975 wieder zusammen. Die Platten waren allerdings auch nicht sonderlich aufregend. Erst 1978 schrieb Scott Walker wieder eigene Stücke, die er noch unter dem Namen The Walker Brothers auf dem Album „Nite Flights“ herausbrachte. Hier zeichnete sich der charakteristische Sound seines Spätwerks ab. Die Stücke sind zwar in typischem 70er-Sound gehalten, aber von der Struktur her sehr sperrig und unkonventionell. Die Platte war wegweisend, aber auch wieder kein Erfolg. Der Split folgte.

In den folgenden Jahrzehnten bis heute waren und sind Scott-Walker-Alben sehr selten. In den 80ern gab es etwa nur „Climate Of Hunter“, das so derart ratlos wirkte, dass es wohl Walkers schwächstes Werk sein dürfte.

Dann entstand Walkers neuer Stil, der zutiefst verstörend wirkt. Konventionelle Songstrukturen gibt es nicht mehr, die Stimme wird ins Artifizielle übersteigert. Die Platte „Tilt“ ist ein echter Brocken, den man nicht mal eben so hört, sondern der „erarbeitet“ werden will. Hier zitiere ich mal Wikipedia: „Die Meinungen reichen von ‚bestes Album aller Zeiten‘ (David Bowie) bis hin zu ‚Kunstkacke‘.“

In den Nullerjahren wechselte Scott Walker auf das Indie-Label 4AD und setzte musikalisch noch eines drauf: Bei „The Drift“ fand sich unter anderem ein Schinken (!) unter den Instrumenten. Auch diese Platte ist nicht einfach. Das gilt auch für das folgende „Bish Bosch“. Die bislang letzte Veröffentlichung war „Soused“ – eine Zusammenarbeit mit der US-Drone-Doom-Band Sunn O))). Die kann sich auf dem Album aber nur in Teilen durchsetzen, so dominant ist Walkers Stil.

Das Besondere an Scott Walkers Werk ist die direkte Wechselbeziehung von Erfolg und Misserfolg auf der einen Seite und seiner Musikentwicklung auf der anderen. Jeder Weg, den er einschlug, war von einer besonderen Suche nach Neuem gekennzeichnet. Und das macht seine Musik bis heute so besonders. Gerade die ersten vier Soloalben, „Scott 1–4“, und das Spätwerk sind in der Art sicher einmalig. Einfach ist eine Entdeckung vor allem des Spätwerks sicherlich nicht. Aber wenn man sich auf diese Reise einlässt, hat man am Ende gleich einen ganzen Haufen Inselplatten mehr im Regal stehen.

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