Shopping – „The Official Body“ (Rezension)

Cover des Albums „The Official Body“ von Shopping (FatCat)

Shopping – „The Official Body“ (FatCat)

7,9

Shopping – für die einen ein symptomatisches Lieblingshobby im Spätkapitalismus, für die anderen eine Post-Punk-Band aus London und Glasgow. Ob Gitarristin Rachel Aggs, Bassistin Billy Easter und Schlagzeuger Andrew Milk einen ausgedehnten Nachmittag im örtlichen Einkaufszentrum goutieren, sei mal dahingestellt. Jedenfalls finden sich auf ihrem dritten Album „The Official Body“ durchaus Indizien, dass dem eher nicht so sein dürfte.

Während der Entstehung der Platte mussten Shopping den Wegzug von Andrew Milk nach Glasgow und die Auflösung ihres Proberaum-Komplexes in London verkraften. Dort waren bereits die hochgelobten Vorgängeralben „Consumer Complaints“ (da ist er wieder, der Kapitalismus) und „Why Choose“ entstanden. Für eine Band, die kollaborativ Songs schreibt, kann der Wegfall eines gemeinsamen Kreativplatzes ein Genickbruch sein.

Stattdessen wirkt das Trio quicklebendig und eingespielter als je zuvor. Die minimalistische Instrumentierung mit Haken schlagenden Basslines, hyperaktivem Drumming und frickeligen Stakkato-Gitarren wurden um Synthesizer und Drumpads ergänzt. Die fügen sich nahtlos in den funky-wirbelnden Dance-Punk von Shopping ein. Das klappt super auf „Wild Child“ und „Overtime“ (Gitarre, Bass und Synthesizer umschlängeln sich hier vom Allerfeinsten), bei „Discover“ klingt der Bass-Synth dann leider doch etwas zu krass nach Düster-Kirmes.

Das Private ist politisch

Textlich wird meist aus der privaten Perspektive erzählt, da sich die Band wider Erwarten nicht als programmatisch-politische versteht. Aber natürlich ist das Private auch immer irgendwie politisch, nicht nur wenn die KünstlerInnen politisch interessiert sind, wie es bei Shopping der Fall ist. In Zeiten von Brexit, Trump und allgemein unschönen Aussichten hinterfragen die drei BritInnen Machtverhältnisse, Identitätskonstrukte und soziale Ungleichheit. So thematisiert Rachel Aggs beispielsweise in „Suddenly Gone“ ihre Schwarze queere Identität. Und auf dem Opener „The Hype“ wird kritisches Denken eingefordert: „Don’t believe! Ask questions!“

In genau diesen Momenten wird der gute, alte tanzbare Post-Punk à la Gang of Four, Talking Heads, Delta 5 und Konsorten interessant: Wenn beim Tanzflächen-Gezappel der ein oder andere Textfetzen im Gehörgang hängen bleibt und nebenan im Hirn Denkprozesse über die herrschenden Umstände in der Welt anstößt.

Diese Art hirnanregender Beinarbeit gelingt auch Shopping auf ihrem dritten Langspieler „The Official Body“. Und das mit solch mitreißender Präzision, dass wahrscheinlich auch Apostel des Rauschkonsums mit ihren Füßen ins Wippen kommen.

Veröffentlichung: 19. Januar 2018
Label: FatCat

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