Sinfonie einer Großstadt

Ist er das, dieses „Diiiiiit, Diiiiit, Diiiiit, Diiiiit“ kurz bevor sich die U-Bahn-Türen schließen? Oder doch eher das andere, das „Niiiiii Nii Niiiiiiiiii“ der Schwester S-Bahn? Welches ist der „Sound of Berlin“? Eine Frage, die der Clubszene ein durchgefeiert-verzerrtes Sonntagnachmittaglächeln entlockt. Schließlich ist sie längst beantwortet. Martin Böttcher versucht, sich mit dem Ergebnis anfreunden.

Sina Jantsch hat es geschafft. Sie hat den „Sound of Berlin“ eingefangen. Jetzt, da sie ihn auf zwei CDs gebrannt ist, kann er nicht mehr entkommen. Der „Sound of Berlin“, so wie sie ihn versteht, ist ziemlich minimal, cluberprobt und Techno. Sina Jantsch, das muss man vielleicht erst einmal erklären, ist 22 Jahre alt und arbeitet bei einem Plattenlabel. Und zwar bei einem, für das die Frage nach Kommerz stets wichtiger war als die Frage nach Stil: Ministry of Sound Germany hat Künstler wie Shaggy, Robyn und Bob Sinclair unter Vertrag, ist aber vor allem für seine Compilations bekannt. Die tragen dann Namen wie „Viva Club Rotation“ (aktuelle Nummer: 42) oder „Ibiza 2009“ und passen normalerweise besser in die Großraumdisco als in die Berliner Clubs.

Jetzt ist es umgekehrt. 20 Tracks hat Sina Jantsch zusammengesucht und unter dem Titel „Sound of Berlin“ zusammengefasst. Die Compilation erscheint erst einmal als MP-3-Sampler, ob später auch noch mehr als nur ein paar Promotion-CDs gepresst werden, hängt davon ab, wie erfolgreich sich das Ganze verkauft. Die Chancen stehen ganz gut: Berlins Ruf als Partystadt, als Hauptstadt der Clubs, ist legendär – jetzt liegt der Berliner Wochenendwahnsinn nur wenige Clicks entfernt von Tokio oder Sydney, von Freiburg oder Leipzig. Denn der griffige Titel ist vor allem eins: Ein Marketinginstrument, er soll helfen, Musik zu verkaufen. „Der Begriff macht neugierig“, heißt das bei Sina Jantsch, Berlin sei schließlich eine coole Stadt.

Wenn wir schon von „cool“ reden: Das coolste an Berlin ist natürlich, dass hier tausend verschiedene Sachen stattfinden. Aber das bedeutet, dass es DEN Berliner Sound gar nicht gibt. Es gibt viele verschiedene. Wer schon mal im einschlägigen Plattenladen gearbeitet hat oder als Radio-DJ, der weiß das. Immer wieder fragen Leute nach dem „Berliner Sound“ und meinen komplett Unterschiedliches. Für den einen sind das melodie- und synthesizerlastige Electro-Tracks. Für den anderen harter Techno mit Detroit-Einschlag. Oder sehr minimalistische Musik, selbst wenn sie sich auf einem Sampler namens „The Sound of Cologne“ tummelt und auch aus Köln stammt.

In den letzten Jahren war es allerdings meist genau dieser minimale Sound, der Minimal Techno, der mit Berlin in Verbindung gebracht wurde. Beats, Bässe, Geklicker, sehr reduzierte, monotone Musik mit hypnotischer Wirkung, Ursprünglich in Detroit erfunden, aber wie geschaffen für eine Stadt, die keine Sperrstunde kennt und die das Partywochenende gerne am Sonntagnachmittag oder Montagmorgen ausklingen lässt. Aber Minimal Techno ist eben nicht die einzige Art von Musik in Berlin. Gernot Bronsert, er ist ein Teil des sehr wild und laut und international sehr erfolgreich agierenden Duos Modeselektor, fühlt sich sogar beleidigt, wenn der Berliner Sound darauf reduziert wird. Ihn nervt der Hype, den sich „irgendjemand ausgedacht hat, eine kleine Gruppe von zugereisten DJs und Produzenten, nur weil das zwei oder drei After-Hour-Partys sind“.

So klein ist dieser Kreis von Zugereisten aber gar nicht. In den letzten Jahren gab es in Berlin eine regelrechte Invasion von DJs und Produzenten. Der kanadische Plattenaufleger Konrad Black soll einmal bei einem seiner Sets im Watergate gesagt haben: Wenn jetzt eine Bombe explodierte, dann wäre fast die komplette kanadische Techno-Riege ausradiert. Alle leben in Berlin, alle waren in dieser Nacht in dem Club mit Spreeblick. Dann sind da noch die Italiener, die Spanier, die gesamte Clique rund um Richie Hawtin und sein Minus-Label. Dazu der chilenischstämmige Ricardo Villalobos als Ausnahmegestalt der Berliner Techno-Szene. Und und und.

Sie alle prägen den Berliner Klang und dürften umgekehrt vom griffigen Begriff des „Sound of Berlin“ profitieren: Feiersuchende kommen hierher und füllen die Clubs. Veranstalter in der ganzen Welt buchen die DJs aus der Stadt. Nico Schäfer, er ist für viele von ihnen mit seinem „Rotation Records“-Laden der Plattenhändler des Vertrauens, hält die Vermarktungsnummer für fragwürdig: „Wenn du Leute erreichen willst, die nicht so eine Ahnung haben, die nicht so in der Szene drin sind, dann ist das O.K.“ Was ihn an der Ministry of Sound-Compilation stört: „Dass da Sachen zusammengefasst werden, die inhaltlich nicht besonders viel miteinander zu tun haben.“ Ein Teil der Tracks ist ursprünglich auf Berliner Labels wie Mobilee und Connaisseur veröffentlicht worden, ein Teil der Musiker lebt in Berlin, einige aber kommen nur ab und zu zum Auflegen in die Stadt.

Menschen verändern sich. Moden verändern sich. Klänge verändern sich. Sina Jantsch hat sehr schöne Tracks ausgewählt, aber das ein wenig wahllos. „Sound of Berlin“ ist eine Momentaufnahme. Und bald schon wieder Vergangenheit. Die Reise geht ohnehin seit einiger Zeit woanders hin: Minimal, lange Zeit dominant, ist langweilig geworden, läuft sich langsam tot. House, die organischere, melodischere Seite der elektronischen Musik, feiert seit einiger Zeit ein Comeback. Wir warten also auf eine neue Compilation. Arbeitstitel: The House Sound of Berlin.

Dieser Artikel ist ursprünglich im Berliner „Tagesspiegel“ erschienen. Mehr Geschriebenes von Martin Böttcher auf seiner Seite www.technoarm.de

Martin Böttcher bei ByteFM:
Electro Royale, immer Samstag von 20-22 Uhr.
Time Tunnel, immer Dienstag von 17-18 Uhr.

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