Solange – „A Seat At The Table“ (Rezension)

Solange, Cover des Albums Solange – „A Seat At The Table“ (Columbia)

Veröffentlichung: 30. September 2016
Web: Facebook der Künstlerin
Label: Columbia

8,2

Man erlaube mir zum Einstieg einen Essensvergleich: Zur Musik ihrer großen Schwester Beyoncé verhält sich die Musik von Solange Knowles wie selbstgekochtes Soulfood zur industriellen Großküche. Dabei beschäftigt sich Solange inhaltlich nicht unbedingt mit anderen Themen als ihre Schwester auf ihrem letzten Album „Lemonade“: #BlackLivesMatter und Polizeigewalt, cultural appropriation, die Mainstreamisierung afroamerikanischer Schönheitsideale als überzeichnetes Meme (#Kardashian). Einzig die eigene Biografie ist ein Faktor, den Beyoncé allenfalls abstrahiert verarbeitet. „A Seat At The Table“ erzählt hingegen recht direkt aus dem Leben einer 30-jährigen Afroamerikanerin, die einen 11-jährigen Sohn in einem Land großzieht, in dem unschuldige Schwarze von rassistischen Polizisten auf offener Straße hingerichtet werden.

Auf musikalischer Ebene ergibt sich ein noch größerer Unterschied zur Musik der übermächtigen Schwester: Der Teppich, auf dem Solange ihre intensive Stimme drapiert, wirkt deutlich weniger opulent und glatt ausproduziert. Stattdessen hat sie gemeinsam mit Altmeister Raphael Saadiq, der als Produzent bereits für u. a. D’Angelo, The Roots und Macy Gray aktiv war, eine minimalistische Mischung aus dem Soundcloud-R&B du jour und dessen Wurzeln in den mittleren und späten Neunzigern zusammengestellt. Insbesondere Janet Jacksons experimentelles „Velvet Rope“-Album von 1997, aber auch die frühen Alben von Erykah Badu, D’Angelo oder Jill Scott können leicht als Referenzen ausgemacht werden.

In der Vergangenheit wurde Solange oft bezichtigt, ihren Stil und ihre Phrasierung von der britischen Sängerin Kelela zu kopieren. Kurzerhand nahmen die beiden für „A Seat At The Table“ einen gemeinsamen Song auf. Dazu gibt es mehrere Skits des steinreichen Rap-Moguls Master P, einen mit Dev Hynes aka Blood Orange, einen mit ihrer Mutter Tina Knowles und einen mit ihrem Vater, dem Musikmanager Matthew Knowles – ein spannender Perspektivenwechsel mit äußerst persönlicher Färbung. Durch diese gesprochenen Interludes, bei denen meist die musikalischen Themen der vorhergehenden Songs weitergespielt werden, bekommt das Album einen kohärenten roten Faden.

Solanges Texte sind bildhaft und sprachlich elegant. Die meisten Songs hat sie in Rohversionen auf dem Klavier geschrieben. Neben Raphael Saadiq produzierten Questlove, Sampha, The-Dream oder Q-Tip mit. „A Seat At The Table“ weist keinen klassischen Radio-Hit vor und Musikvideos wurden gleich zu zwei Stücken gedreht und am selben Tag veröffentlicht. Es wirkt, als könnte sich niemand so recht entscheiden, auf welchen Song man setzen solle, um das Album angemessen zu vermarkten – oder entscheiden, welcher Song das Album nun am besten widerspiegelt. Ich hätte den Opener „Weary“ gewählt: Ein magisches, hypnotisches Stück Musik, das bei jedem Durchlauf viel zu kurz wirkt, basierend auf einem dieser ganz einfachen Loops aus Bass, Klavier und Percussion, die bis in die Ewigkeit weiterlaufen dürften. Solanges Performance gerät hier beeindruckend intensiv.

Klar, Solange möchte auf diesem Album das Bohemian Chick aus dem Village sein, das in den Electric Ladyland Studios mit Bilal und Dilla hängt. Diese Referenz gelingt ihr ausgezeichnet – und sie bleibt vor allem nicht dabei stehen. „A Seat At The Table“ klingt nach Grassroots-NeoSoul, nach Soulquarians und Soulection gleichzeitig. Es ist ein mutiges, ein außergewöhnliches Statement, das sich mit relevanten Aspekten unserer Zeit beschäftigt. Es geht um Selbsthass und Selbstliebe, um zentrale feministische Themen und Identitätsfragen der African-American Community. An diesem Album kommt man in diesem Herbst nicht vorbei.

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