The Cure: „Disintegration“ wird 30 Jahre alt

Cover des Albums „Disintegration“ von The Cure

The Cure – „Disintegration“ (Fiction Records)

Maren Ades 2016er Tragikomödie „Toni Erdmann“ ist ein sehr leiser Film. Bis auf eine genauso emotionale wie peinliche Performance zu Whitney Houstons „The Greatest Love Of All“ gibt es so gut wie keinen Soundtrack. Ade lässt stattdessen die Zwischenräume singen, lässt Dialog-Pausen betont leer, Blicke und Gesten unbegleitet für sich selbst sprechen. Doch dann, nach über zweieinhalb Stunden Spannungsaufbau, schallt im Abspann plötzlich „Plainsong“ von The Cure in voller Lautstärke aus den Boxen. Mit der Wucht eines brechenden Damms kommen auf einmal all die angestauten Emotionen ans Tageslicht – und man kann nicht viel anderes tun als zu weinen.

Robert Smith, der Sänger, Gitarrist und Haupt-Songwriter von The Cure, war 1989 auch in einem komplexen emotionalen Zustand. Seine Band startete Ende der 70er-Jahre mit vier düsteren, introvertierten Post-Punk-Platten ihre Karriere. Doch Mitte der 80er-Jahre drifteten sie mit ihren Singles „The Lovecats“ und „Let‘s Go To Bed“ langsam in Richtung Mainstream-Pop ab. Die Songs erbrachten ihnen ungeahnte Charts-Platzierungen, doch der Frust bei Smith wuchs mit zunehmendem kommerziellen Erfolg. Zusätzlich plagten ihn tiefe Depressionen, die er nur mit konstanter LSD-Behandlung in den Griff bekam.

Anfang 1989 zog er sich ins Studio zurück, um ein neues Album auszubrüten – das nicht nur an die düsteren Anfangstage anknüpfen, sondern auch seinen emotionalen Zustand ungefiltert spiegeln sollte. Das Ergebnis: „Disintegration“, das am 2. Mai 2019 30 Jahre alt wird.

Akkorde, die Dämme brechen

„Disintegration“ wurde tatsächlich deutlich dunkler als sein Vorgänger „Kiss Me, Kiss Me“. Es wurde ironischerweise auch kommerziell erfolgreicher. Smiths Depression ist im Verlauf der zwölf Songs klar fühlbar: Sie vergiftet die Liebe in „Lovesong“. Sie sickert durch jede geflüsterte Silbe in „Lullaby“. Sie kriecht und windet sich durch das finstere „Prayers For Rain“.

Eingekleidet wurde sie aber in die möglicherweise besten Pop-Songs, die Smith und seine Band je schrieben. Die Synthesizer, Bassläufe und Texte, die sie umgeben, sind dunkel – doch die Melodien von „Pictures Of You“ oder „Lovesong“ sind pure Pop-Zauberei. Tieftraurig, aber auch wärmend und nährend. Smith wollte ein depressives Album schaffen – und schuf dabei die vielleicht empathischste Musik seiner Karriere.

Was alles zurück zu „Plainsong“ führt, der nicht nur im deutschen Arthouse-Kino für Tränen sorgt, sondern auch „Disintegration“ eröffnet. Der Song geht von null auf hundert, überwältigt in den ersten Sekunden mit einer überlebensgroßen Orgel. Keine Trauermusik, sondern pure Euphorie. Akkorde, die Hörerin und Hörer in den dunkelsten Stunden in die Arme nehmen können – und die Kraft haben, Dämme zu brechen. „Sometimes you make me feel / Like I’m living at the edge of the world“, singt Smiths zittrige Stimme – und man kann nicht viel anderes tun als zu weinen.

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Diskussionen

2 Kommentare
  1. posted by
    Mario
    Mai 2, 2019 Reply

    Schöne Rezi.
    Ich weiß noch genau, wie ich mit 15 oder 16 das Album gehört habe in völliger jugendlich-unglücklicher Verliebtheit, der man mit der richtigen Musik trotzdem viel abgewinnen konnte.
    Dementsprechend hat mich der Plainsong dann auch im Abspann von Toni Erdmann umgehauen.

  2. posted by
    Jessica
    Mai 4, 2019 Reply

    Ich hab das Album damals auch mit 14, 15 rauf- und runtergehört, als Außenseiter innerlich zerrissen und verzweifelt auf der Suche nach einem Sinn, der sich einfach nicht finden lassen wollte – mir hat der Sound sowas aus der Seele gesprochen. Für meine damaligen Freunde waren The Cure allerdings nur Gejaule …

    Ich wäre damals übrigens nie auf die Idee gekommen, dass die Künstler selbst eigene Identitätsprobleme hatten und so ihrer Depression Stimme verliehen. Die schlimmen Zeiten sind wohl für die meisten von uns vorbei, aber die Musik lässt sich weiterhin gut hören. Es tut nur nicht mehr so weh wie damals …

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