The Replacements – „Let It Be“

Cover des Albums „Let It Be“ von The Replacements

The Replacements – „Let It Be“ (Twin/Tone)

Die Geschichte des „harten“ Punkers, der unter der stacheligen Oberfläche ein heimliches Pop-Genie ist, ist fast so alt wie der Punk selbst. Nach der Anarcho-Explosion Mitte der 70er-Jahre dauerte es nicht lange, bis einige Schlüsselfiguren ihre nach außen gerichtete Wut in eingängige Melancholie verwandelten. Die offensiv übersexualisierten Buzzcocks schrieben das verletzliche „Ever Fallen In Love (With Someone That You Shouldn‘t‘ve)“. Die wütenden The Clash schrieben den eingängigen Song „Lost In The Supermarket“. Die Hardcore-Pioniere Hüsker Dü schrieben die Folk-Ballade „Never Talking To You Again“.

Nur Wenige trieben diese Entwicklung so weit wie Paul Westerberg, der Chef-Songwriter, Sänger und Gitarrist von The Replacements. Die Band aus Minneapolis begann ihre Karriere als saufende Krawallgruppe. Sie endeten als feinsinnige Pop-Autoren. Ihr Meisterwerk „Let It Be“ wird am 2. Oktober 2019 35 Jahre alt.

Mit nur einem Bein im Moshpit

Westerberg beschrieb seine eigene Band einst als sein schwerstes Publikum: Wenn ein Song nicht hart genug rockte, rümpfte Lead-Gitarrist Bob Stinson die Nase. Wenn er nicht modern genug klang, war dessen bassspielender Bruder Tommy Stinson unzufrieden. Und wenn er nicht eingängig genug war, mochte Schlagzeuger Chris Mars den Song nicht.

Diesen inneren Disput merkt man dem frühen Replacements-Werk an: Die „Stinks“-EP sowie die Alben „Sorry Ma, I Forgot To Take Out The Trash“ und „Hootenanny“ waren chaotische Platten, mit einem Bein im Moshpit, dem anderen in der Hardrock-Kneipe – und dem Kopf im Pop-Himmel. Dank ihren berüchtigten alkohol- und drogenschwangeren Live-Konzerten wurde die Band zu lokalen Punk-Legenden, doch was The Replacements eigentlich sein wollten, wussten sie selber nicht so genau.

Offene Nerven und gebrochene Herzen

All diese Hin-und-Her-Gerissenheit führte 1984 zu ihrem dritten Studioalbum. Während die Vorgänger in ihrer Summe ein richtungsloses Chaos darstellten, war auf „Let It Be“ alles präzise und klar definiert. Die Pop-Songs waren sehr gute Pop-Songs. Opener „I Will Dare“ ist strahlender Jangle-Pop, mehr The Go-Betweens als Ramones, mit einem schonungslos verliebtem Refrain. „Sixteen Blue“ ist schunkelige Power-Pop-Teenage-Angst in der Tradition von Big Star.

Der Punk wich auf diesem Album öfter als seltener einem Proto-College-Rock-Sound (passenderweise spielte College-Rock-Pionier Peter Buck auf „I Will Dare“ die Lead-Gitarre). Was die Band nicht davon abhielt, ein schwindelerregendes Post-Hardcore-Brett einzuschleusen: „We‘re Coming Out“ prischt von Null auf 100 mit einer ansteckenden Verzweiflung. Zur Mitte täuscht die Band einen fingerschnipsenden Halftempo-Breakdown vor, nur um kurz später in wundervollem Lärm zu enden.

Doch das pulsierende Zentrum von „Let It Be“ sind die Balladen. „Look me in the eye / And tell me that I’m satisfied“, krächzt Westerberg in „Unsatisfied“ mit der Intensität eines offenliegenden Nervs. Das nur von einem Piano begleitete „Androgynous“ verwandelt eine LGBTQ+-Lovestory in empathische Pop-Zauberei. Und wer beim zwischen Billy Bragg und Bruce Springsteen oszillierenden Abschluss „Answering Machine“ nichts fühlt, hat wahrscheinlich kein Herz. Im Verlauf ihrer Karriere sollten The Replacements sich noch weiter in Richtung Pop öffnen – doch die schonungslos ehrliche Mischung aus Empathie, Wut und Leidenschaft von „Let It Be“ sollten sie nie wieder erreichen.

Veröffentlichung: 2. Oktober 1984
Label: Twin/Tone

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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