The Stooges: Debütalbum wird 50 Jahre alt

Cover des Albums „The Stooges“ von The Stooges

The Stooges – „The Stooges“ (Elektra)

Gitarren-Musik musste sterben, um zu überleben. Die Narrative ist bekannt. Ende der 60er-Jahre wurde Rock immer prätentiöser: Die Soli wurden länger, die Songs komplizierter, die Musik virtuoser. Aus psychedelischen Spinnereien wurden ungelenke Explorationen. Ein Monster namens Prog griff um sich. Pink Floyd, King Crimson, Yes und Co. akademisierten die Rock-Musik. Und erst der Punk brachte die Gitarrenmusik wieder zu ihrer unmittelbaren, primären Energie zurück.

Lange vor Sex Pistols, Ramones oder The Clash hatten The Stooges ein Album veröffentlicht, das genau das hätte vollbringen können. Hätte nur jemand zugehört. Ihr selbstbetiteltes Debütalbum wird am 5. August 2019 50 Jahre alt.

The Stooges wurden 1967 in Ann Arbor, Michigan gegründet. Wenige Kilometer von ihnen entfernt experimentierte eine Band namens MC5 mit wüster, ursprünglicher Rock-Musik – doch was Iggy Pop, Dave Alexander und die Gebrüder Ron und Scott Asheton gemeinsam ausbrüteten, war in seiner schmierigen Intensität kaum zu überbieten.

Zwischen Staubsauger und Flammenwerfer

Vom ersten Wah-Wah-Gebrüll in „1969“ bis zum letzten Feedback-Geheul in „Little Doll“ ist „The Stooges“ eine Tour de Force, die auch ein halbes Jahrhundert später nichts von ihrer Wucht verloren hat. Das einzige Mal, dass die Band das Tempo herunterschraubt, ist in dem bedrohlichen Raga „We Will Fall“ – bei der man jedoch trotzdem vermutet, dass jede Sekunde die Hölle losbrechen kann. Ron Ashetons Gitarre klingt immer noch wie eine Mischung aus einem Staubsauger und einem Flammenwerfer. Alexanders pumpender Bass lässt auch heute noch den Blutdruck hochfahren. Scott Ashetons minimalistische Trommelei hält den Wahnsinn zusammen – nur um ihn im richtigen Moment gegen die Wand zu fahren.

Und dann ist da noch Iggy Pop. Auf der Bühne ließ er die Grenze zwischen Performance-Art und Rockshow verschwimmen, schmierte sich Hackfleisch auf die Brust, schnitt sich seine Haut mit Glasscherben auf und wirkte insgesamt auf das unvorbereitete Publikum wie eine Ausgeburt der Hölle. Produzent John Cale – der mit seiner Band The Velvet Underground selbst einige Erfahrungen mit provokativer Rock-Musik sammeln konnte – fing Pops Intensität im Studio ein. Seine Stimme erklingt mit der gleichen Wucht wie Ashetons E-Gitarre, wird öfter mehr Instrument als Mensch. Seine Schreie werden eins mit dem Feedback. Ein halbes Jahrzehnt bevor Punk Dreck salonfähig machte zeigten er und The Stooges, wie gefährlich Rock-Musik klingen konnte. Die Platte und ihr noch intensiverer Nachfolger „Fun House“ floppten – doch ihr Einfluss ist bis heute spürbar.

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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Diskussionen

2 Kommentare
  1. posted by
    Till Lorenzen
    Aug 5, 2019 Reply

    Müsste ich dem Anlass entsprechend eigentlich diese Sendung hier einfach nochmal wiederholen?
    https://www.byte.fm/sendungen/kalamaluh/2018-02-14/09/jim-jarmusch-the-circle-of-iggy-pop/

    • posted by
      ByteFM Redaktion
      Aug 5, 2019 Reply

      Kein schlechte Idee, Till. Aber Mitglieder im Förderverein können sie ja zum Glück auch jederzeit nachhören!

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