The Story Of Pop

The Story Of PopCover: „The Story Of Pop“

Der Musikjournalist, Hörspielregisseur und „Gelegenheits-Übersetzer“ Karl Bruckmaier erzählt „The Story Of Pop“. Ein wunderbar geschriebenes Buch, das seine lebenslange Leidenschaft für das Thema kondensiert.

Nach über 30 Jahren Schreiben über Musik für die Süddeutsche Zeitung und Musikradio Machen für den Bayrischen Rundfunk, nach Preisen für seine Hörspiele aus Texten von Elfriede Jelinek, Peter Weiss oder Alexander Kluge, nun also ein Buch von Karl Bruckmaier, das die Geschichte des Pop zum Inhalt halt. Nicht mehr und nicht weniger.

Ein Popgeschichte die Geschichten verschmelzt, deren vorher getrennte Handlungen dadurch mehr Sinn, mehr Rhythmus und mehr Stimmen kriegen. Egal, ob es um Historisches, Legenden oder einen uralten Song geht, der ja doch immer derselbe bleibt. Oder sind es immer wieder neue Songs und wir bleiben dieselben? Bruckmaier stellt solche auch mal ganz großen Fragen, tut dies aber ohne Fußnoten-Bremse und ohne französische Philosophen zu bemühen. Seine Pop-Story soll nicht abstrakt werden, es geht um das Versprechen, das Pop (bei Bruckmaier etwas, das in bestimmte Erscheinungsformen bereits zur Zeit der maurischen Besetzung Spaniens einsetzt) den Menschen macht, nach Glück zu streben zu dürfen und es vielleicht sogar zu finden. So kurz mal wenigstens. In einem drei Minuten Song vielleicht, der unter Umständen nur deshalb so kurz ist, weil das mal die technisch mögliche Länge war, die man Ende des 19. Jahrhunderts auf Walzen oder dann auf Platten festhalten konnte.

Das ist so eine dieser Geschichten, das mit Edison und Co. und wie deren Patente irgendwann die afro-amerikanische Musiktradition oder die Entwicklung der Frauenbewegung beeinflusst haben, die wiederum das Geschäft mit der Musik veränderten. Ist aber auch alles ein Durcheinander, dieser Pop. In „The Story Of Pop“ geht es mit demselben Respekt um vermeintlich Oberflächliches und Flüchtiges, um Moden, Trommelrituale, Groschenromane und die Hymnen der verschiedenen Einwanderer-Kirchen wie um die Geschichte Amerikas als Pilgertraum und Sklavenalptraum, als Kolonie, gelobtes Land, als ferner Planet, aus dem in den 1960ern seltsame Musik die Ohren des damals halbwüchsigen Buchautoren erreichte.

Bruckmaier kolportiert Gesungenes, Geschriebenes, Gesagtes, Gedachtes von so verschiedenen Protagonisten wie Alexander von Humboldt, Amiri Baraka, John Fahey, Klaus Theweleit, Zora Neale Hurston, Nancy Cunard, John Fiske, Theo Parrish oder Little Richard. Ein paar der 61 Kapitel erzählen Biografisches von Protagonisten, die mal berühmt und sozusagen erwartet sind (wie Atlantic Records Gründer Ahmed Ertegun oder der Ur-Songwriter Irving Berlin), aber auch Figuren, die man andernorts in einer Popgeschichtsschreibung eher vergeblich suchen würde, wie das Hippie-Mädchen Shoe Taylor oder den amerikanischen Komponist des 19. Jahrhunderts Louis Moreau Gottschalk. Auf einer Ebene erzählt Bruckmaier seine Pop-Story linear, setzt einen Anfang und bietet das natürlich noch offene Ende. Doch erzählt er quasi in Rückblende, immer wieder durchschnitten von Szenen, Sounds und inhaltlichen Assoziationen aus anderen Epochen, und so stehen Gedanken zu Detroit Techno, zur Mittelpassage, zum protestantischen Liederbuch der „Sacred Harp“, zur Harlem Renaissance und zu Bob Dylan in Newport auch mal over under sideways down als einfach nur nacheinander. Denn so sehr man so eine „Story Of Pop“ als ordentlich auflistbare Abfolge auch verstehen wollen würde, so wenig würde das den eigentlichen Charakter des Ganzen einfangen. Pop, das ist bei Bruckmaier eine lange, anhaltende, komplexe Geschichte von kultureller Migration und Selbstermächtigung des Individuums, das ist eine Geschichte der Moderne, geschrieben ohne theoretisch bedingte Bindestrich-Attribute und ohne akademischen Überbau, dafür mit Herzblut.

Bruckmaier verzichtet nicht nur auf Fußnoten, er zitiert auch gerne ohne direkten Verweis auf seine Quellen (die dann eher zwischen den Zeilen ein paar Seiten vorher oder nachher stehen). Das ist seine volle Absicht. Die Leser sollen sich ruhig unsicher sein, ob etwas von Paul McCartney oder Ernst Jünger gesagt wurde. So, wie man im Pop auch nie wirklich wissen kann (und will), ob etwas das ist, was wir authentisch nennen, oder ein Zitat oder eine versteckte Botschaft. „The Story Of Pop“ ist ein wunderbar geschriebenes Buch, das Bruckmaiers lebenslange Leidenschaft für das Thema kondensiert und neben einer gehörigen Portion Allgemeinbildung vor allem eine Sinnesschärfung mit sich bringt, die vielleicht nicht bewirken, aber veranschaulichen kann, was beim Autoren aus dem niederbayrischen Dorf seinerzeit passierte, als er auf Jimi Hendrix Musik traf und es bei ihm „Pop“ gemacht hat: „… Blue ist so beautiful, dass es einen eigenen Propheten zugeteilt bekommt: einen Botschafter aus dem Morgen-Land, I don’t live today, maybe tomorrow. Zeitkonfusion. Körpersprache. Erdbeben. Jimi. In Spitzwegs frühen Bildern hängen mit Indigo blau gefärbte Tücher zum Trocknen aus den Fenstern deutscher Biedermeierstädtchen, Indigo, das von Sklaven angebaut und geerntet wird, Mood Indigo, und dieser Spitzweg-Welt bin ich in dem einen Moment noch sehr nahe, und dann wird einem schwindlig und man stürzt zu Boden und durch die Zeit, und Spitzweg ist jemand, der den Namensstempel, mit dem er seine Bilder signiert hat, bedenkenlos und mit Absicht an andere Maler verleiht, ein Originalitätsverächter also, ein Popkünstler, Spitzweg ist Warhol, blue, blue, electric blue, und die Welt ist plötzlich: in die Welt gekommen. Sound and Vision.
Das eine gibt es nicht ohne das andere. Der Sound ermöglicht eine Vision. Die Vision von einem anderen Leben. Von einer anderen Gesellschaft. …”

„Politik, persönliche Integrität, Radikalität, Blues und Jazz und Country, Familiensinn, Liebe, das Streben nach Glück“, da sei ihm wichtig, schreibt Bruckmaier. Pop als „ständiges Sichausprobieren, ein ständiges Rekombinieren von Vertrautem, ein Einfallstor auch für das Unbekannte in den Alltag.“
Pop sei für ihn die Fähigkeit, Dinge immer wieder anders zu denken. Und tatsächlich denkt man nach der Lektüre seines Buches anders über so manches, vo dem man vielleicht vorher noch nicht mal dachte, dass es etwas mit “Pop” zu tun haben könnte.

Karl Bruckmaier “The Story of Pop”
 ist im Murmann Verlag erschienen und kostet in Deutschland 29,99 €.

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