Tocotronic – „Die Unendlichkeit“ (Album der Woche)

"CoverTocotronic – „Die Unendlichkeit“ (Universal)

Bis zur Unendlichkeit, und noch viel weiter: Auf ihrem zwölften Album kehrt die Hamburger Diskurs-Rock-Institution Tocotronic zum ersten Mal in ihrer langen Karriere ihr Inneres ungefiltert nach außen – und bringt dabei zwölf höchst intime Geschichten zum Vorschein. Von der Liebe, der Selbstfindung und dem Tod.

Den Grundstein für diese Aufarbeitung hat die Band bereits auf ihrem vorigen „roten“ Album gelegt. Wo dort für Dirk von Lowtzow noch die Romantik an sich der Aufhänger war, lässt er auf „Die Unendlichkeit“ alle abstrakten Vorhänge fallen: In „Electric Guitar“ singt er mit jugendlicher Ehrlichkeit vom Pickelausdrücken vorm Spiegel und dem ersten, heimlichen Sex im Elternhaus.

Auf dem Papier beschreiben Tocotronic diese Platte als ein biografisches Album. Dieser chronologische Ansatz ist schwer zu übersehen: Nach dem epischen Einstiegssong „Die Unendlichkeit“ beginnt die Reise durch das Leben des Dirk von Lowtzow in elf Akten, von frühester Kindheit („Tapfer und Grausam“) und jugendlicher Rebellion („Hey Du“) über die Bandgründung in Hamburg („1993“) bis zur nostalgisch-melancholischen Gegenwart („Alles was ich immer wollte war Alles“).

Entfesselte Gitarren und klare Worte

Musikalisch zeigen sich Tocotronic auf diesem Album abwechslungsreich und in absoluter Höchstform: Rick McPhails Gitarrenarbeit ist entfesselt wie seit „Schall Und Wahn“ nicht mehr, vom verschmitzten Solo-Breakdown in der stürmischen Vorabsingle „Hey Du“ bis zum noisigen Sturm-und-Drang-Freakout gen Ende von „Wilder Wirbel“. Und in Songs wie dem space-rockenden Titeltrack kann die Rhythmusgruppe Müller/Zank zum vielleicht ersten Mal in ihrer Bandgeschichte so richtig grooven: Ein ausgelassener TripHop-Beat hier, eine dubbige Bassline da – und alles wirkt aus einem Guss.

Das große klangliche Wunder von „Die Unendlichkeit“ passiert jedoch ein wenig später, und es trägt den Namen „Unwiederbringlich“: Im langgezogenen Intro tut sich aus dem Nichts ein komplett neues Klanguniversum auf, mit Vibraphonen und Klarinetten, die eher aus einem Philip-Glass-Soundtrack als aus einer deutschen Rock-Platte zu stammen scheinen. Über diesen dicht verzahnten Klangteppich findet von Lowtzow einfache Worten für große, tiefe Trauer: „Dein Tod war angekündigt, das Leben ging dir aus / Unwiederbringlich schlich es aus dir hinaus.“ Es sind diese ehrlichen, berührenden Sätze, die „Die Unendlichkeit“ zu einem der besten Alben der vielleicht besten deutschen Rockband machen.

Veröffentlichung: 26. Januar 2018
Label: Universal

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