Trevor Horn wird 70: fünf Hits des Pop-Querdenkers

Foto des britischen Künstlers Trevor Horn

Trevor Horn (Foto: Turn & Shoot Photography)

Hört man einen Pop-Hit aus den 80er-Jahren, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass Trevor Horn seine Finger im Spiel hatte. Der britische Musiker, Songwriter und Produzent war quasi der König Midas des Synth-Pop-Jahrzehnts: So ziemlich jeder Song, den er berührte, wurde zu Gold. Mit seiner Band The Buggles läutete er das MTV-Zeitalter ein, als Produzent von Acts wie Pet Shop Boys, Simple Minds, ABC, Tom Jones oder Frankie Goes To Hollywood wurde er einer der wichtigsten Architekten des Blockbuster-Pop der 80er-Jahre – dessen Ruf als unaufhaltsame Hit-Maschine über viele Jahre bestand hatte. Am 15. Juli 2019 wird Trevor Horn 70 Jahre alt. Wir zeichnen Horns Werdegang an fünf essenziellen Songs nach.

The Buggles – „Video Killed The Radio Star“ (1979)

Trevor Charles Horn wurde am 15. Juli 1949 in Durham geboren. Sein Vater brachte ihm das Kontrabass-Spielen bei, E-Bass und Gitarre lernte er autodidaktisch. Im Alter von 17 Jahren schmiss er die Schule, um eine Musik-Karriere zu verfolgen. Die 70er-Jahre verbrachte er mit verschiedenen Jobs als Session-Musiker, unter anderem für die Disco-Sängerin Tina Charles. 1976 lernte er den Keyboarder Geoff Downes kennen, mit dem er zwei Jahre später die Band The Buggles gründete. Gemeinsam landeten sie 1979 einen unerwarteten Hit. So ziemlich alles am „Video Killed The Radio Star“ ist merkwürdig: die stoische Bass-Drum. Die ungelenken Synthesizer. Der gesellschafts- und medienkritische Text. Horns Lead-Gesang, der wie durch ein altes Telefon aufgenommen klingt. Das subversive an diesem seltsamen Song: die Melodien sind purer Pop. „Video Killed The Radio Star“ erklomm die Charts – und etablierte Horn als Querdenker des Pop. Am 1. August 1981 war es bezeichnenderweise das erste Video, das auf MTV lief.

Yes – „Owner Of A Lonely Heart“ (1983)

Der Erfolg von „Video Killed The Radio Star“ verleitete ihren Manager Brian Lane dazu, The Buggles mit einem anderen seiner Klienten zu verknüpfen: Yes. Die Prog-Rock-Band hatte kürzlich ihren Sänger und ihren Keyboarder verloren, Horn und Downes schlossen die Lücken. Das Line-up veröffentlichte 1980 das Album „Drama“ mit Horn als Sänger. Der verließ die Band kurz darauf, um sich auf seine Produzenten-Karriere zu konzentrieren. Yes verloren einen weiteren Sänger, gewannen aber eine Hit-Maschine: Horn produzierte ihr nächstes Album „90125“ – ihre bis dato kommerziell erfolgreichste LP. Die Single „Owner Of A Lonely Heart“ war nicht ansatzweise so verschachtelt wie ihre frühen Prog-Epen, dafür goldig glänzend und unaufhaltsam catchy. Irgendwo zwischen Disco, Yacht- und Hard-Rock, von Horn mit triumphalen Synthesizern veredelt.

Frankie Goes To Hollywood – „Relax“ (1984)

Spätestens 1984 war Horn nicht mehr zu stoppen. Selbst sein 1983 gegründetes Nebenprojekt Art Of Noise, das im Vergleich zu seinen Auftragsarbeiten etwas sperriger daherkam, landete regelmäßig in den Charts. Im Studio war sein Wort Gesetz, wenn man an die Spitze wollte – was auch Frankie Goes To Hollywood zu spüren bekamen. Als Produzent ihres Debütalbums „Welcome To The Pleasuredome“ strich Horn einen Großteil ihrer Instrumentals – und ließ sie von Session-Musikern perfektionieren, oder spielte sie gar selbst ein. Das Ergebnis wurde ein weiterer Blockbuster: Mit „The Power Of Love“ und „Relax“ entstanden unter Horns harter Hand zeitlose Hits. Die hämmernde Bassline und der stampfende Beat von letzterem sind unverkennbar Horn, die Linie von „Video Killed The Radio Star“ zu „Relax“ verläuft hier direkt.

Grace Jones – „Slave To The Rhythm“ (1985)

Der größte subversive Pop-Coup gelang Horn nicht mit „Video Killed The Radio Star“, sondern sechs Jahre später mit „Slave To The Rhythm“. Das Stück schrieb er ursprünglich für Frankie Goes To Hollywood, über Umwege gelangte es jedoch zu Grace Jones. Die Künstlerin hatte sich für drei Jahre aus dem Musik-Business zurückgezogen – „Slave To The Rhythm“ sollte ihr Comeback werden. Und was für eins: wie so oft bei Horns Produktionen wurde auch dieser Song ihr erfolgreichster. Bei den freundlichen Go-Go-Rhythmen, Lounge-Gitarren und ausschweifenden Melodiebögen kann man fast vergessen, worüber Jones hier singt: „Work all day as men who know / Wheels must turn to keep the flow / Build on up, don’t break the chain / Sparks will fly when the whistle blows.“ Zeilen, die genauso gut von der Ausbeutung afroamerikanischer Sklaven wie von den Verhältnissen in der Musikindustrie erzählen können. Und die Welt sang mit. „Never stop the action / Keep it up, keep it up!“

Seal – „Kiss From A Rose“ (1994)

1987 schrieb Henry Olusegun Adeola Samuel einen Song namens „Kiss From A Rose“. Er war ihm lange peinlich, ein gnadenlos kitschiges Liebeslied. Erst sieben Jahre später, als er sein zweites Album unter seinem Künstlernamen Seal aufnahm, traute er sich an dieses Stück heran. Sein Produzent war Trevor Horn, der in dem Song einen weiteren Nummer-Eins-Hit vermutete. Horn kleidete es in ein musikalisches Gewand, das mindestens genauso sentimental wie der Text war: barocke Cembali, klimpernde Gitarren, klebrige Streicher. Und ein Refrain, so groß, dass man fast denkt, man erstickt. Doch „Kiss From A Rose“ funktioniert. Seal und Horn ergaben sich furchtlos dem Kitsch hin – und schufen dabei einen der unironischsten Pop-Songs ihrer Zeit. Und, Überraschung: Es wurde Seals größter Hit.

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