Tricky – ein ganzer Kerl dank Trip-Hop


Und noch ein neues Album von Tricky: Mixed Race, unser Album der Woche, heißt seine neue CD und wenn ich mal kurz persönlich werden darf: Es ist das Beste, das er seit langem gemacht hat. Tricky, wir erinnern uns, wird immer noch gerne von Schubladensteckern als der „Pate des Trip-Hop“ bezeichnet. Warum er nicht nur diesen Titel, sondern auch den Begriff „Trip Hop“ schwachsinnig findet, erzählt er im Interview. Außerdem geht es um schusssichere Westen, eingeknastete Freunde, Nachtclub-Eskapaden, um eine erneute Zusammenarbeit mit Massive Attack und das britische Klassensystem. Also eigentlich alles drin!

Schmuddelwetter, von der Sonne keine Spur – der perfekte Tag, um über ein neue Tricky-Album zu reden, oder?
Warum das?

Ihre Musik hat fast immer eine dunkle und melancholische Seite, das passt doch hervorragend zu grauem Himmel und grauen Gesichtern.
Mein neues Album ist dunkel, aber das hat nichts mit grauen Tagen zu tun. Es ist es eine Art von Dunkelheit, die man in der kriminellen Unterwelt findet. Wie der Soundtrack für einen Gangster-Film.

Haben Sie eine düstere Persönlichkeit?
Ich habe eine dunkle Seite. Wenn ich nicht mit der Musik angefangen hätte, dann wäre ich vermutlich ein Krimineller. Ich bin kein gewalttätiger Typ, das liegt nicht in meiner Natur, aber ich weiß ganz genau: Ich wäre ein Verbrecher geworden, so wie viele andere aus meiner Familie.

Sie sagen, Sie hätten auch kriminell werden können. Fasziniert Sie das Gangster-Leben?
Es gibt jede Menge Platten, auf denen vom Gangster-Lifestyle geschwärmt wird. Aber das ist wirklich nicht mein Ding. Ich will keine Werbung für Waffen machen, ich will keine Werbung für Gewalt machen. Aber ich habe einen bestimmten Lifestyle gelebt. Als ich in den USA wohnte, trug ich Waffen mit mir rum, eine kugelsichere Weste, in New York im Club haben wir manchmal 5000 Dollar für Champagner ausgegeben – wie Gangster. Ich habe das also alles mitgemacht, aber das ist nichts Tolles, nichts, was man glorifizieren solle.

Schon gar nicht, wenn man an die Gewalt denkt, die so ein Leben mit sich bringt.
Drei von meinen Verwandten wurden ermordet. Zwei erschossen, einer erstochen. Ich habe einen Freund, der zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Das betrifft mich nicht direkt, aber ich kann dem ganzen auch nicht entfliehen.

Sind Ihre Songs eine Art Selbsttherapie?
Manchmal sind sie wie ein Tagebuch, manchmal eher wie ein Dokumentarfilm. Es geht um meine Vergangenheit, es geht um mein Leben. Nehmen wir zum Beispiel das neue Album: Im Booklet ist ein Foto, darauf bin ich als Zweijähriger zu sehen, gemeinsam mit meiner Mutter. Ich habe dieses Foto erst vor wenigen Monaten bekommen, es war das erste Mal, dass ich mich gemeinsam mit meiner Mutter auf einem Foto gesehen habe. Mir haben die Knie … ich weiß nicht, es war ein sehr, sehr seltsames Gefühl. Und jetzt ist das Teil der CD. Ich kann also sagen: Ok, auch das darf ich jetzt hoffentlich hinter mir lassen. So gesehen ist es Selbsttherapie.

Nächstes Jahr steht das 20. Jubiläum des Massive-Attack-Debüts „Blue Lines“ an – für manche das erste Trip-Hop-Album und Sie waren daran beteiligt. War das damals eine musikalische Revolution?
Ich weiß nicht …wir hatten diese Art von Musik schon lange vorher gemacht. HipHop war eine musikalische Revolution und wir kamen aus dem HipHop. Aber HipHop war damals noch nicht das Riesending, das es jetzt ist, vor allem nicht in England. Wir waren die Ersten, die etwas mit diesem HipHop gemacht haben und damit erfolgreich waren. Also kann man wahrscheinlich wirklich sagen, dass das eine Art von musikalischer Revolution war.

Noch immer gibt es Journalisten, die Sie als „Godfather of Trip Hop“, als den „Trip-Hop-Paten“ bezeichnen. Sie mochten diesen Titel nie. Was gefällt Ihnen daran nicht?
Was soll das sein, der Trip-Hop-Pate? So etwas gibt es doch gar nicht. Außerdem ist das für jeden Musiker ein gefährliches Spiel, sich in eine Schublade stecken zu lassen: Ist es mit der Musik, für die Du stehst, vorbei, dann ist es auch mit Dir vorbei!

Aber ist Trip-Hop nicht einfach nur ein Name für eine bestimmte Art von Musik, so wie Jazz oder HipHop oder Techno, die es einfacher macht, sie zu beschreiben?
Ja, aber Trip-Hop, das ist ein Begriff für eine Musik, die nicht existiert. Es ist ein dummer Begriff, es hört sich blöd an.

Auch wenn Sie den Begriff „Trip-Hop“ ablehnen – verspüren Sie trotzdem so etwas wie Dankbarkeit, wenn Sie zurückdenken? Schließlich fußt Ihre Karriere auch auf dem Erfolg von damals.
Definitiv! Massive Attack waren ein Super-Ding für mich. Wenn ich damals nicht in dieser Szene drin gewesen wäre…also, ich würde auf jeden Fall bis heute Musik machen, aber der Erfolg damals war die Abkürzung, die mich aus all meinen Schwierigkeiten rausgeholt hat. Oder verhindert hat, dass ich noch mehr Schwiergkeiten bekomme.

Jetzt heißt es, dass Massive Attack und Tricky wieder gemeinsam arbeiten wollen, obwohl sie sich so lange aus dem Weg gegangen sind.
Wir haben darüber geredet. Danach ist Daddy G. von Massive Attack an die Öffentlichkeit gegangen, deshalb weiß jetzt jeder davon. Aber Reden allein macht keine Musik. Wir sollten ins Studio gehen und zusammen etwas aufnehmen, nicht mit der Presse darüber reden. Ich bin jedenfalls bereit und warte darauf, dass ihre Leute mit meinen Leuten reden. Ich hoffe, dass es klappt.

Das ganze Interview mit Tricky lest ihr auf dem Blog von Martin Böttcher www.technoarm.de

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Diskussionen

0 Kommentare
  1. posted by
    Tickets für Tricky : ByteFM Magazin
    Nov 3, 2010 Reply

    […] – ein Begriff, den er überhaupt nicht mag, wie er ByteFM Moderator Martin Böttcher in diesem Interview verraten hat. Trickys aktuelles Album “Mixed Race”, das stark von amerikanischen […]

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